Sola Scriptura: Was sagt die Bibel selbst?
Der Grundsatz, die Bibel allein sei Quelle und Richtschnur des Glaubens, klingt bibeltreu. Aus katholischer Sicht lehrt die Bibel selbst ihn aber nicht.

Was ist „Sola Scriptura“?
Sola Scriptura („die Schrift allein“) ist ein Grundsatz der Reformation: Allein die Heilige Schrift sei verbindliche Norm in Glaubensfragen, nicht die Überlieferung der Kirche und nicht das Lehramt. Der Gedanke geht auf Martin Luther zurück. Auf dem Reichstag zu Worms 1521 erklärte er, er werde nur widerrufen, wenn man ihn durch Zeugnisse der Schrift oder klare Vernunftgründe widerlege. Als Formel „sola scriptura“ wurde der Grundsatz erst später zusammengefasst.
Das Anliegen, die Bibel ernst zu nehmen, teilt die katholische Kirche. Sie hält aber fest: Die Bibel selbst lehrt nicht, dass sie allein genügt.
Die Bibel verweist auf mündliche Überlieferung
Eine Aussage wie „Nur das geschriebene Wort gilt“ findet sich in der Bibel nicht. Sie verweist vielmehr ausdrücklich auf mündliche Überlieferung:
In 2 Thessalonicher 2,15 heißt es: „Seid also standhaft, Brüder und Schwestern, und haltet an den Überlieferungen fest, in denen wir euch unterwiesen haben, sei es mündlich, sei es durch einen Brief!“
Mündliche und schriftliche Überlieferung stehen hier gleichberechtigt nebeneinander. Es heißt nicht: „Haltet nur an den Briefen fest“, sondern auch an dem, was mündlich gelehrt wurde.
Ähnlich in 1 Korinther 11,2: „Ich lobe euch, dass ihr in allem an mich denkt und an den Überlieferungen festhaltet, wie ich sie euch übergeben habe.“
Das griechische Wort paradosis (Überlieferung) ist dasselbe, das Jesus in Markus 7,8 für menschliche Traditionen verwendet. Aber Paulus verwendet es hier positiv, nämlich für die apostolische Überlieferung. Es gibt also zwei Arten von Tradition: menschliche Satzungen (die Jesus kritisiert) und die heilige apostolische Überlieferung (die Paulus lobt und einfordert).
Und in 2 Timotheus 2,2: „Was du vor vielen Zeugen von mir gehört hast, das vertraue zuverlässigen Menschen an, die fähig sein werden, auch andere zu lehren!“
Hier ist eine Kette der Weitergabe beschrieben: vom Apostel zu Timotheus, von Timotheus zu zuverlässigen Menschen, von diesen zu weiteren. Die Kirche sieht darin einen Ansatz der apostolischen Nachfolge: Der Glaube wird durch Personen weitergegeben, nicht nur durch Texte.
Die Bibel nennt die Kirche – nicht sich selbst – „Säule der Wahrheit“
In 1 Timotheus 3,15 wird die Kirche des lebendigen Gottes „Säule und Fundament der Wahrheit“ genannt.
Dieser Vers ist bemerkenswert: Den Titel erhält nicht ein Buch, sondern die Kirche. Sie trägt und bewahrt die Wahrheit.
Die Bibel sagt, dass sie nicht alles enthält
Am Ende des Johannesevangeliums (Joh 21,25) heißt es: „Es gibt aber noch vieles andere, was Jesus getan hat. Wenn man alles einzeln aufschreiben wollte, so könnte, wie ich glaube, die ganze Welt die dann geschriebenen Bücher nicht fassen.“
Das Evangelium sagt selbst, dass es nicht alles enthält, was Jesus getan hat. Die Kirche hat das Evangelium nicht nur in Schriften, sondern auch in ihrer lebendigen Überlieferung empfangen (vgl. Dei Verbum 8).
In Johannes 16,12–13 sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten.“
Jesus versprach, dass der Heilige Geist die Jünger in der ganzen Wahrheit leiten wird. Dieser Beistand gilt nach katholischem Verständnis der Kirche auch im Verstehen und Auslegen der Schrift.
Die Bibel warnt vor eigenmächtiger Auslegung
Im zweiten Petrusbrief (2 Petr 1,20–21) heißt es: „Bedenkt dabei vor allem dies: Keine Prophetie der Schrift wird durch eigenmächtige Auslegung wirksam; denn niemals wurde eine Prophetie durch den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben Menschen im Auftrag Gottes geredet.“
Die Schrift ist also nicht der eigenmächtigen Auslegung des Einzelnen überlassen. Nach katholischer Lehre ist die verbindliche Auslegung dem lebendigen Lehramt der Kirche anvertraut (Dei Verbum 10).
An anderer Stelle heißt es über die Briefe des Paulus (2 Petr 3,16): „In ihnen ist einiges schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, werden diese Stellen ebenso verdrehen wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“
Die Bibel selbst bezeugt also, dass sie missverstanden werden kann. Die Kirche sieht im Lehramt den Dienst, der vor solchem Missverständnis schützen soll.
Der historische Einwand: Was war vor der Bibel?
Sola Scriptura steht vor einem historischen Problem: Die Kirche existierte vor dem Neuen Testament.
Jesus starb und ist auferstanden um das Jahr 30 (oder 33). Die ersten Paulusbriefe wurden um das Jahr 50 geschrieben, also zwanzig Jahre später. Das Markusevangelium entstand frühestens um 65, das Johannesevangelium gegen Ende des ersten Jahrhunderts.
Rund zwanzig Jahre lang lebte die Kirche ohne eine einzige Schrift des Neuen Testaments; ihre Heilige Schrift war das Alte Testament. Worauf gründete sie ihren Glauben? Auf der mündlichen Verkündigung der Apostel, also auf der Tradition.
Die älteste bekannte Liste mit genau den 27 Büchern des Neuen Testaments stammt von Athanasius (367); nordafrikanische Regionalsynoden (Hippo 393, Karthago 397) bestätigten diesen Umfang. Über einige Bücher wurde bis dahin noch diskutiert. Norm des Glaubens war in dieser Zeit die Glaubensregel der Kirche, wie sie die Bischöfe in Nachfolge der Apostel bezeugten.
Vor der Erfindung des Buchdrucks um 1450 besaß kaum ein Christ eine vollständige Bibel. Die meisten hörten die Schrift in der Liturgie und in der Verkündigung. Der Glaube der Kirche ruhte auf Schrift und Überlieferung zusammen, ausgelegt durch das Lehramt.
Die Frage nach dem Kanon
Aus katholischer Sicht führt Sola Scriptura in eine Schwierigkeit:
Frage: Woher wissen wir, dass die Bibel Gottes Wort ist? Antwort: Die Kirche hat unter Führung des Heiligen Geistes erkannt, welche Bücher inspiriert sind, und den Kanon festgelegt.
Frage: Hat die Kirche also Autorität? Antwort (nach Sola Scriptura): Nur die Schrift ist letzte, unfehlbare Norm; kirchliche Entscheidungen sind ihr untergeordnet und können irren.
Aber: Welche Bücher zur Bibel gehören, hat die Kirche erkannt. Wer der Bibel vertraut, vertraut damit auch diesem Urteil der Kirche. Die Autorität der Bibel und die Autorität der Kirche stehen nicht in Konkurrenz, sie gehören zusammen.
Wenn die Kirche den Kanon unter dem Beistand des Heiligen Geistes zuverlässig erkannt hat, dann spricht das nach katholischem Verständnis für eine von Gott gegebene Autorität, die über die Frage des Kanons hinausgeht.
Die Vielfalt der Auslegungen
In der Folge der Reformation sind viele Kirchen und Gemeinschaften entstanden, die sich alle auf die Bibel berufen und doch in wichtigen Fragen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, etwa bei Taufe, Abendmahl, Amt und Ethik.
Aus katholischer Sicht zeigt das: Ein Buch, auch ein inspiriertes, legt sich nicht von selbst verbindlich aus. Die Kirche versteht das Lehramt als Dienst, den Christus ihr dafür anvertraut hat: „Wer euch hört, der hört mich“ (Lk 10,16).
Das Zweite Vatikanische Konzil erkennt zugleich an, dass die getrennten Christen die Heilige Schrift lieben und ehren und dass sie ein wertvolles Werkzeug im Dialog ist (vgl. Unitatis redintegratio 21).
Was die Kirche wirklich lehrt
Die katholische Kirche lehrt nicht, dass die Bibel unwichtig sei. Das Gegenteil: Das Studium der Schrift soll „gleichsam die Seele der heiligen Theologie“ sein (Dei Verbum 24). „Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib selbst“ (Dei Verbum 21).
Aber die Kirche lehrt, dass drei Größen zusammengehören:
- Die Heilige Schrift ist Gottes inspiriertes, geschriebenes Wort, Norm und Maßstab des Glaubens.
- Die Heilige Tradition ist die lebendige Weitergabe des Evangeliums durch die Apostel und ihre Nachfolger. Gemeint sind nicht menschliche Satzungen, sondern die apostolische Überlieferung, auf die Paulus selbst verweist (2 Thess 2,15).
- Das Lehramt ist die von Christus eingesetzte Lehrautorität der Kirche, die unter dem Beistand des Heiligen Geistes Schrift und Tradition verbindlich auslegt.
Diese drei widersprechen einander nicht. Sie bilden eine Einheit, wie das Zweite Vatikanische Konzil lehrt: Die Heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche sind „gemäß dem weisen Ratschluß Gottes so miteinander verknüpft und einander zugesellt“, „daß keines ohne die anderen besteht“ (Dei Verbum 10).
In Kürze
| Behauptung | Was die Bibel tatsächlich sagt |
|---|---|
| „Nur die Schrift zählt“ | „Haltet an den Überlieferungen fest, … sei es mündlich, sei es durch einen Brief!“ (2 Thess 2,15) |
| „Die Bibel ist Säule der Wahrheit“ | Die Kirche ist „Säule und Fundament der Wahrheit“ (1 Tim 3,15) |
| „Die Bibel enthält alles“ | „Es gibt aber noch vieles andere, was Jesus getan hat“ (Joh 21,25) |
| „Jeder kann die Bibel selbst auslegen“ | „Keine Prophetie der Schrift wird durch eigenmächtige Auslegung wirksam“ (2 Petr 1,20) |
| „Die Bibel wird nicht missverstanden“ | „In ihnen ist einiges schwer zu verstehen“ (2 Petr 3,16) |
| „Die Kirche hat keine Lehrautorität“ | „Wer euch hört, der hört mich“ (Lk 10,16) |
Zum Weiterlesen
- Katechismus der Katholischen Kirche: KKK 74–100 (Die Weitergabe der göttlichen Offenbarung)
- Zweites Vatikanisches Konzil: Dei Verbum (Über die göttliche Offenbarung), besonders Kapitel II
- Konzil von Trient: Dekret über die Heilige Schrift und die Überlieferung (4. Sitzung, 1546)