Was ist die Heilige Schrift?
73 Bücher, geschrieben über etwa tausend Jahre, in drei Sprachen, von vielen Verfassern, und doch ein einziges Buch. Denn ihr Urheber ist Gott selbst (KKK 105).

Gottes Wort in Menschenwort
Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen. Sie wurde nicht von Engeln diktiert und nicht auf goldenen Tafeln übergeben. Sie wurde von Menschen geschrieben: von Hirten und Königen, von Fischern und Gelehrten, von Propheten und Aposteln. Sie schrieben in ihrer Sprache und aus ihrer Zeit heraus.
Und doch ist die Bibel mehr als ein menschliches Buch. Sie ist das Wort Gottes. Nicht weil Gott den Autoren die Worte in die Feder diktierte, sondern weil der Heilige Geist so in ihnen wirkte, dass sie genau das schrieben, was Gott mitteilen wollte. Sie taten das mit ihren eigenen Worten, in ihrem Stil und aus ihrer Erfahrung.
Im zweiten Timotheusbrief heißt es: „Jede Schrift ist, als von Gott eingegeben, auch nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit“ (2 Tim 3,16). Und der zweite Petrusbrief sagt: „Denn niemals wurde eine Prophetie durch den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben Menschen im Auftrag Gottes geredet“ (2 Petr 1,21).
Das ist das Geheimnis der Bibel: Gottes Wort in Menschenwort. Das Konzil vergleicht es mit der Menschwerdung: „Gottes Worte, durch Menschenzunge ausgedrückt, sind menschlicher Rede ähnlich geworden, wie einst des ewigen Vaters Wort durch die Annahme des Fleisches menschlicher Schwachheit den Menschen ähnlich geworden ist“ (Dei Verbum 13; KKK 101).
Was bedeutet „Inspiration“?
Inspiration bedeutet wörtlich „Einhauchung“: Gott hauchte den menschlichen Autoren seinen Geist ein. Das Zweite Vatikanische Konzil beschreibt es so: „Zur Abfassung der Heiligen Bücher hat Gott Menschen erwählt, die ihm durch den Gebrauch ihrer eigenen Fähigkeiten und Kräfte dazu dienen sollten, all das und nur das, was er – in ihnen und durch sie wirksam – geschrieben haben wollte, als echte Verfasser schriftlich zu überliefern“ (Dei Verbum 11).
Die Inspiration ist also kein mechanisches Diktat. Markus schreibt anders als Johannes, Paulus anders als Petrus, Jesaja anders als Amos. Jeder hat seinen eigenen Stil und seine eigene Sicht. Und doch steht hinter allen ein einziger Autor: der Heilige Geist.
Deshalb kann die Bibel über etwa tausend Jahre hinweg von vielen verschiedenen Menschen geschrieben sein und trotzdem eine innere Einheit besitzen, die kein rein menschliches Buch hat. Das Alte Testament bereitet vor, was das Neue erfüllt. Prophezeiungen, die Jahrhunderte auseinander liegen, fügen sich zusammen. Bilder und Motive ziehen sich wie ein roter Faden von der Genesis bis zur Offenbarung.
Lehrt die Bibel ohne Irrtum?
Das Zweite Vatikanische Konzil lehrt: „Da also alles, was die inspirierten Verfasser oder Hagiographen aussagen, als vom Heiligen Geist ausgesagt zu gelten hat, ist von den Büchern der Schrift zu bekennen, daß sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte“ (Dei Verbum 11).
Die Irrtumslosigkeit der Bibel bezieht sich auf die Heilswahrheit, also auf das, was Gott uns für unser Heil mitteilen wollte. Die Bibel ist kein naturwissenschaftliches Lehrbuch und kein Geschichtsbuch im modernen Sinne. Wenn Genesis sagt, Gott habe die Welt in sechs Tagen erschaffen, lehrt das eine Heilswahrheit: Gott ist der Schöpfer aller Dinge, und die Schöpfung ist gut. Ob das in sechs Kalendertagen oder in Milliarden Jahren geschah, ist keine Frage, die die Bibel beantworten will.
Die Kirche liest die Bibel nicht fundamentalistisch-wörtlich, aber auch nicht als bloßes Menschenwerk. Sie liest sie als das, was sie ist: Gottes Wort in menschlicher Sprache, das ohne Irrtum lehrt, was wir für unser Heil wissen müssen (KKK 105–108).
73 Bücher, ein Buch
Die katholische Bibel umfasst 73 Bücher: 46 im Alten Testament und 27 im Neuen Testament. Sie wurden über einen Zeitraum von etwa tausend Jahren verfasst, in drei Sprachen (Hebräisch, Aramäisch, Griechisch), von vielen verschiedenen Verfassern.
Und doch ist es ein Buch. Nicht weil ein Redakteur es zusammengestellt hätte, sondern weil ein Geist es durchweht. Die Bibel erzählt eine einzige Geschichte: Gott schafft den Menschen aus Liebe, der Mensch wendet sich von Gott ab, Gott gibt ihn nicht auf, sondern bereitet über Jahrhunderte die Erlösung vor, bis er in Jesus Christus selbst Mensch wird, um den Menschen zu retten.
Von der Verheißung im Garten Eden (Gen 3,15) bis zur Vollendung in der Offenbarung (Offb 21–22) zieht sich ein einziger Heilsplan durch die ganze Schrift.
Altes und Neues Testament
Die Bibel besteht aus zwei großen Teilen, die untrennbar zusammengehören.
Das Alte Testament erzählt von der Schöpfung, vom Sündenfall, von den Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob, vom Auszug aus Ägypten, vom Bund am Sinai, von den Königen und Propheten, vom Exil und der Heimkehr. Es enthält Gesetz, Geschichte, Weisheit, Poesie und Prophezeiung. Es bereitet alles vor, was in Christus zur Erfüllung kommt.
Das Neue Testament erzählt von der Erfüllung aller Verheißungen in Jesus Christus: sein Leben, sein Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung. Es enthält die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, die Briefe der Apostel und die Offenbarung des Johannes.
Ein Wort des heiligen Augustinus fasst es zusammen: Das Neue Testament ist im Alten verhüllt, das Alte im Neuen enthüllt („Novum in Vetere latet et in Novo Vetus patet“, KKK 129). Man kann das Neue Testament nicht ohne das Alte verstehen und das Alte nicht ohne das Neue. Beide Testamente erhellen einander (KKK 128–130).
„Alt“ bedeutet dabei nicht „veraltet“ oder „überholt“. Die Bücher des Alten Testaments sind wahres Wort Gottes, und der Alte Bund ist nie widerrufen worden (KKK 121). Jesus sagte: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen“ (Mt 5,17).
Die Sprachen der Bibel
Das Alte Testament wurde überwiegend auf Hebräisch geschrieben, der Sprache des Volkes Israel. Einige Abschnitte (in Daniel und Esra) sind auf Aramäisch verfasst, der Alltagssprache zur Zeit des Exils und danach. Das gesamte Neue Testament wurde auf Griechisch geschrieben, der Weltsprache des hellenistischen Zeitalters. Von den deuterokanonischen Büchern wurden die Weisheit und das zweite Makkabäerbuch auf Griechisch verfasst; Sirach, Judit, Tobit und das erste Makkabäerbuch entstanden ursprünglich auf Hebräisch oder Aramäisch und sind vollständig nur in griechischer Übersetzung erhalten.
Die griechische Übersetzung des Alten Testaments, die Septuaginta (abgekürzt LXX, nach der Legende von 70 oder 72 Übersetzern), entstand ab dem 3. Jahrhundert vor Christus in Alexandria, zuerst die fünf Bücher Mose. Sie wurde zur Bibel der frühen Kirche: Das Neue Testament zitiert das Alte überwiegend nach der Septuaginta.
Wie soll man die Bibel lesen?
Die Kirche kennt verschiedene Ebenen des Bibelverständnisses, die sich seit den Kirchenvätern bewährt haben:
Der Wortsinn (sensus litteralis) fragt: Was sagt der Text in seinem historischen Zusammenhang? Was meinte der Autor, was verstanden die ersten Leser?
Der geistliche Sinn geht tiefer und umfasst drei Ebenen: Der allegorische Sinn erkennt in den Ereignissen des Alten Testaments Vorausbilder für Christus und die Kirche (z. B. der Durchzug durch das Rote Meer als Vorausbild der Taufe). Der moralische Sinn fragt: Was lehrt mich dieser Text für mein Leben? Der anagogische Sinn richtet den Blick auf die ewige Vollendung, auf das, was noch kommt (KKK 115–119).
Ein mittelalterlicher Merkspruch fasst es zusammen: „Der Buchstabe lehrt die Ereignisse; was du zu glauben hast, die Allegorie; die Moral, was du zu tun hast; wohin du streben sollst, die Anagogie“ (KKK 118).
Die Bibel ist kein Buch, das man einmal liest und dann versteht. Sie ist ein Buch, mit dem man lebt. Sie will gehört, betrachtet und gelebt werden: in der Gemeinschaft der Kirche und unter der Führung des Heiligen Geistes, der sie inspiriert hat.
Zum Weiterlesen
- Katechismus der Katholischen Kirche: KKK 101–141 (Die Heilige Schrift in der Kirche)
- Zweites Vatikanisches Konzil: Dei Verbum (Über die göttliche Offenbarung)
- Papst Benedikt XVI.: Verbum Domini (Über das Wort Gottes, 2010)