Was ist die Heilige Schrift?
73 Bücher, geschrieben über tausend Jahre, in drei Sprachen, von Dutzenden Autoren — und doch ein einziges Buch. Denn der eigentliche Autor ist Gott selbst.

Gottes Wort in Menschenwort
Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen. Sie wurde nicht von Engeln diktiert und nicht auf goldenen Tafeln übergeben. Sie wurde von Menschen geschrieben — von Hirten und Königen, von Fischern und Gelehrten, von Propheten und Aposteln. Sie schrieben in ihren Sprachen, in ihrer Kultur, in ihrer Zeit.
Und doch ist die Bibel mehr als ein menschliches Buch. Sie ist das Wort Gottes. Nicht weil Gott den Autoren die Worte in die Feder diktierte, sondern weil der Heilige Geist so in ihnen wirkte, dass sie genau das schrieben, was Gott mitteilen wollte — mit ihren eigenen Worten, in ihrem eigenen Stil, aus ihrer eigenen Erfahrung heraus.
Paulus schreibt: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit" (2 Tim 3,16). Petrus ergänzt: „Niemals wurde eine Weissagung aus menschlichem Willen vorgebracht, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben Menschen im Auftrag Gottes geredet" (2 Petr 1,20–21).
Das ist das Geheimnis der Bibel: ganz Gottes Wort und ganz Menschenwort zugleich — ähnlich wie Jesus Christus selbst ganz Gott und ganz Mensch ist (KKK 101–104).
Was bedeutet „Inspiration"?
Inspiration bedeutet wörtlich „Einhauchung" — Gott hauchte den menschlichen Autoren seinen Geist ein. Das Zweite Vatikanische Konzil beschreibt es so: Gott „erwählte bestimmte Menschen, die ihm zur Verfügung standen und dabei im Besitz ihrer eigenen Fähigkeiten und Kräfte blieben, damit sie — er in ihnen und durch sie wirksam — all das und nur das als wahre Verfasser schriftlich überlieferten, was er geschrieben haben wollte" (Dei Verbum 11).
Die Inspiration ist also kein mechanisches Diktat. Markus schreibt anders als Johannes, Paulus anders als Petrus, Jesaja anders als Amos. Jeder Autor hat seinen eigenen Stil, sein eigenes Temperament, seine eigene Perspektive. Und doch steht hinter allen ein einziger Autor: der Heilige Geist.
Deshalb kann die Bibel über tausend Jahre hinweg von Dutzenden verschiedener Menschen geschrieben sein und trotzdem eine innere Einheit besitzen, die kein rein menschliches Buch hat. Das Alte Testament bereitet vor, was das Neue erfüllt. Prophezeiungen, die Jahrhunderte auseinander liegen, fügen sich zusammen. Bilder und Motive ziehen sich wie ein roter Faden von der Genesis bis zur Offenbarung.
Lehrt die Bibel ohne Irrtum?
Das Zweite Vatikanische Konzil lehrt: „Da alles, was die inspirierten Verfasser oder Hagiographen aussagen, als vom Heiligen Geist ausgesagt zu gelten hat, ist von den Büchern der Schrift zu bekennen, dass sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte" (Dei Verbum 11).
Die Irrtumslosigkeit der Bibel bezieht sich auf die Heilswahrheit — auf das, was Gott uns für unser Heil mitteilen wollte. Die Bibel ist kein naturwissenschaftliches Lehrbuch und kein Geschichtsbuch im modernen Sinne. Wenn Genesis sagt, Gott habe die Welt in sechs Tagen erschaffen, lehrt das eine Heilswahrheit: Gott ist der Schöpfer aller Dinge, und die Schöpfung ist gut. Ob das in sechs Kalendertagen oder in Milliarden Jahren geschah, ist keine Frage, die die Bibel beantworten will.
Die Kirche liest die Bibel nicht fundamentalistisch-wörtlich, aber auch nicht als bloßes Menschenwerk. Sie liest sie als das, was sie ist: Gottes Wort in menschlicher Sprache, das ohne Irrtum lehrt, was wir für unser Heil wissen müssen (KKK 105–108).
73 Bücher, ein Buch
Die katholische Bibel umfasst 73 Bücher: 46 im Alten Testament und 27 im Neuen Testament. Sie wurden über einen Zeitraum von etwa tausend Jahren verfasst, in drei Sprachen (Hebräisch, Aramäisch, Griechisch), auf drei Kontinenten (Asien, Afrika, Europa), von Dutzenden verschiedener Autoren.
Und doch ist es ein Buch. Nicht weil ein Redakteur es zusammengestellt hätte, sondern weil ein Geist es durchweht. Die Bibel erzählt eine einzige Geschichte: Gott schafft den Menschen aus Liebe, der Mensch wendet sich von Gott ab, Gott gibt ihn nicht auf, sondern bereitet über Jahrhunderte die Erlösung vor — bis er in Jesus Christus selbst Mensch wird, um den Menschen zu retten.
Von der Verheißung im Garten Eden (Gen 3,15) bis zur Vollendung in der Offenbarung (Offb 21–22) — ein einziger Heilsplan, ein einziger roter Faden, ein einziger Autor hinter allen menschlichen Autoren.
Altes und Neues Testament
Die Bibel besteht aus zwei großen Teilen, die untrennbar zusammengehören.
Das Alte Testament erzählt von der Schöpfung, vom Sündenfall, von den Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob, vom Auszug aus Ägypten, vom Bund am Sinai, von den Königen und Propheten, vom Exil und der Heimkehr. Es enthält Gesetz, Geschichte, Weisheit, Poesie und Prophezeiung. Es bereitet alles vor, was in Christus zur Erfüllung kommt.
Das Neue Testament erzählt von der Erfüllung aller Verheißungen in Jesus Christus: sein Leben, sein Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung. Es enthält die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, die Briefe der Apostel und die Offenbarung des Johannes.
Augustinus fasste es in einem Satz zusammen: „Das Neue Testament liegt im Alten verborgen, das Alte wird im Neuen offenbar." Man kann das Neue Testament nicht ohne das Alte verstehen — und das Alte nicht ohne das Neue. Sie sind wie zwei Seiten einer Medaille (KKK 128–130).
„Alt" bedeutet dabei nicht „veraltet" oder „überholt". Der Alte Bund ist der erste Bund — er bleibt gültig und wird im Neuen Bund nicht aufgehoben, sondern erfüllt. Jesus sagte: „Denkt nicht, ich sei gekommen, das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen aufzuheben, sondern zu erfüllen" (Mt 5,17).
Die Sprachen der Bibel
Das Alte Testament wurde überwiegend auf Hebräisch geschrieben — der Sprache des Volkes Israel. Einige Abschnitte (in Daniel und Esra) sind auf Aramäisch verfasst, der Alltagssprache zur Zeit des Exils und danach. Die deuterokanonischen Bücher und das gesamte Neue Testament wurden auf Griechisch geschrieben — der Weltsprache des hellenistischen Zeitalters.
Die griechische Übersetzung des Alten Testaments — die Septuaginta (abgekürzt LXX, nach den der Legende nach 70 Übersetzern) — entstand etwa 250 vor Christus in Alexandria. Sie wurde zur Bibel der Urkirche: Das Neue Testament zitiert das Alte überwiegend nach der Septuaginta, nicht nach dem hebräischen Text.
Wie soll man die Bibel lesen?
Die Kirche kennt verschiedene Ebenen des Bibelverständnisses, die sich seit den Kirchenvätern bewährt haben:
Der Wortsinn (sensus litteralis) fragt: Was sagt der Text in seinem historischen Zusammenhang? Was meinte der Autor, was verstanden die ersten Leser?
Der geistliche Sinn geht tiefer und umfasst drei Ebenen: Der allegorische Sinn erkennt in den Ereignissen des Alten Testaments Vorausbilder für Christus und die Kirche (z.B. der Durchzug durch das Rote Meer als Vorausbild der Taufe). Der moralische Sinn fragt: Was lehrt mich dieser Text für mein Leben? Der anagogische Sinn richtet den Blick auf die ewige Vollendung — auf das, was noch kommt (KKK 115–119).
Ein mittelalterlicher Merkspruch fasst es zusammen: „Der Buchstabe lehrt die Ereignisse, die Allegorie, was du glauben sollst, die Moral, was du tun sollst, die Anagogie, wohin du strebst."
Die Bibel ist kein Buch, das man einmal liest und dann versteht. Sie ist ein Buch, mit dem man lebt. Sie will gehört, meditiert, gebetet und gelebt werden — in der Gemeinschaft der Kirche, unter der Führung des Heiligen Geistes, der sie inspiriert hat.
Zum Weiterlesen
- Katechismus der Katholischen Kirche: KKK 101–141 (Die Heilige Schrift in der Kirche)
- Zweites Vatikanisches Konzil: Dei Verbum (Über die göttliche Offenbarung)
- Papst Benedikt XVI.: Verbum Domini (Über das Wort Gottes, 2010)