Wie lese ich die Bibel? — Methoden des Bibellesens
Die Bibel ist kein Buch, das man einmal liest und dann weglegt. Sie will gehört, meditiert, gebetet und gelebt werden.
Lectio Divina — Die betende Bibellektüre
Die älteste und bewährteste Methode des Bibellesens ist die Lectio Divina — die göttliche Lesung. Sie stammt aus der monastischen Tradition und hat vier Schritte:
Lectio (Lesen): Lies den Text langsam und aufmerksam, am besten laut. Nicht überfliegen, sondern hören. Welches Wort, welcher Satz springt dich an? Lies den Text mehrmals.
Meditatio (Meditieren): Bleib bei dem Wort oder Satz stehen, der dich berührt hat. Dreh ihn im Herzen hin und her. Was sagt er mir? Was will Gott mir damit sagen? Lass den Text in dich einsinken.
Oratio (Beten): Antworte Gott. Was der Text in dir ausgelöst hat — Dankbarkeit, Reue, Bitte, Staunen — bring es vor Gott. Die Lectio Divina ist ein Gespräch: Gott spricht durch sein Wort, du antwortest im Gebet.
Contemplatio (Betrachten): Schweige. Lass die Worte los und ruhe in Gottes Gegenwart. Nicht mehr denken, nicht mehr reden — einfach da sein vor Gott. Die Kontemplation ist die Frucht der Lectio Divina: stilles Verweilen in der Liebe Gottes.
Papst Benedikt XVI. empfahl die Lectio Divina als „Grundnahrung des Glaubens" und mahnte: „Ich möchte insbesondere die Lectio Divina in Erinnerung rufen und empfehlen" (Verbum Domini 87).
Bibelteilen — Gemeinsam Gottes Wort hören
Das Bibelteilen ist eine Methode des gemeinsamen Bibellesens in kleinen Gruppen. Sie stammt aus der südafrikanischen Lumko-Tradition und hat sich weltweit verbreitet.
Die sieben Schritte:
- Wir laden den Herrn ein — Stilles Gebet um den Heiligen Geist.
- Wir lesen den Text — Jemand liest den Bibeltext laut vor. Stille.
- Wir verweilen bei einzelnen Worten — Jeder nennt ein Wort oder einen Satz, der ihn angesprochen hat — ohne Erklärung, nur das Wort.
- Wir schweigen — Stille. Gott wirkt.
- Wir teilen miteinander — Jeder teilt mit, was der Text ihm persönlich sagt. Keine Diskussion, kein Kommentar zu den Beiträgen anderer — nur Teilen.
- Wir besprechen — Gibt es eine gemeinsame Aufgabe, die sich aus dem Text ergibt? Was will Gott von unserer Gruppe?
- Wir beten — Spontanes Gebet, das aus dem Gehörten und Geteilten erwächst.
Das Bibelteilen ist keine Bibelstunde und kein Theologieseminar. Es ist eine geistliche Übung, bei der Gottes Wort in der Gemeinschaft lebendig wird.
Die Schrift im Kirchenjahr lesen
Die wirksamste Methode, die Bibel kennenzulernen, ist die, die die Kirche seit Jahrhunderten praktiziert: die Lesungen des Kirchenjahres.
Die katholische Leseordnung umfasst einen dreijährigen Sonntagszyklus (A, B, C) mit jeweils einer alttestamentlichen Lesung, einem Antwortpsalm, einer neutestamentlichen Lesung und dem Evangelium. Dazu kommt ein zweijähriger Werktagszyklus (I, II).
Wer jeden Sonntag die Messe besucht, hört in drei Jahren den Großteil des Neuen Testaments und wesentliche Teile des Alten. Wer auch werktags die Lesungen mitfeiert oder im Stundengebet betet, deckt noch mehr ab.
Die Tageslesungen sind online verfügbar — etwa auf evangeliumtagfuertag.org — und sind ein guter Einstieg für alle, die beginnen wollen, die Bibel regelmäßig zu lesen.
Die vier Schriftsinne
Die Kirchenväter und die mittelalterliche Theologie entwickelten eine Methode, die Bibel auf vier Ebenen zu lesen:
Der Wortsinn (sensus litteralis): Was sagt der Text in seinem historischen und literarischen Zusammenhang? Was meinte der Autor? Was verstanden die ersten Leser? Der Wortsinn ist die Grundlage aller weiteren Auslegung.
Der allegorische Sinn: Was bedeuten die Ereignisse und Personen des Textes im Licht Christi und der Kirche? Beispiel: Der Durchzug Israels durch das Rote Meer ist historisches Ereignis (Wortsinn) und zugleich Vorausbild der Taufe (allegorischer Sinn).
Der moralische Sinn: Was lehrt mich dieser Text für mein konkretes Leben? Wie soll ich handeln? Was soll ich ändern?
Der anagogische Sinn: Wohin weist der Text — auf die ewige Vollendung, auf den Himmel, auf die Wiederkunft Christi? Der anagogische Sinn richtet den Blick nach oben.
Ein mittelalterlicher Merkspruch fasst es zusammen: „Der Buchstabe lehrt die Ereignisse, die Allegorie, was du glauben sollst, die Moral, was du tun sollst, die Anagogie, wohin du strebst" (KKK 118).
Tipps für den Einstieg
Wer noch nie systematisch die Bibel gelesen hat, steht vor 73 Büchern und weiß nicht, wo anfangen. Hier ein bewährter Weg:
Beginne mit dem Markusevangelium. Das kürzeste Evangelium, direkt und lebendig. In einer Stunde durchgelesen.
Dann das Lukasevangelium. Ausführlicher, mit besonderen Geschichten: der verlorene Sohn, der barmherzige Samariter, Zachäus, die Emmausjünger.
Die Apostelgeschichte schließt direkt an Lukas an — die Geschichte der jungen Kirche.
Die Psalmen — bete einen Psalm pro Tag. Beginne mit den bekanntesten: Psalm 23, 51, 91, 103, 130, 139.
Genesis — die Urgeschichte (Kap. 1–11) und die Patriarchenerzählungen (Kap. 12–50).
Den Römerbrief — Paulus' theologisches Hauptwerk. Anspruchsvoll, aber grundlegend.
Danach bist du bereit für alles Weitere. Die Propheten, die Weisheitsbücher, die übrigen Briefe, die Offenbarung — sie werden mit wachsender Vertrautheit immer zugänglicher.
Zum Weiterlesen
- Papst Benedikt XVI.: Verbum Domini (Über das Wort Gottes), besonders Nr. 86–87
- Katechismus der Katholischen Kirche: KKK 115–119 (Die Auslegung der Heiligen Schrift)
- Päpstliche Bibelkommission: Die Interpretation der Bibel in der Kirche (1993)