Luther und die Bibel — Was sich veränderte

Martin Luther hat die Bibel ins Deutsche übersetzt und dem Volk zugänglich gemacht. Dafür verdient er Anerkennung. Aber er hat auch Bücher entfernt und Texte verändert. Das verdient ehrliche Betrachtung.

Was Luther verdient: Anerkennung

Es wäre unredlich, mit Kritik zu beginnen, ohne Luthers Verdienste zu würdigen.

Martin Luther übersetzte die Bibel in ein kraftvolles, lebendiges Deutsch, das die Sprache selbst prägte. Seine Übersetzung des Neuen Testaments erschien 1522, die vollständige Bibel 1534. Die Sprachkraft seiner Arbeit ist unbestritten — Wendungen wie „Perlen vor die Säue werfen" oder „ein Herz und eine Seele" gehen auf seine Übersetzung zurück.

Luther wollte, dass die Menschen die Bibel lesen. Dieses Anliegen war berechtigt und wird von der katholischen Kirche geteilt. Das Zweite Vatikanische Konzil bekräftigte: „Den Gläubigen muss der Zugang zur Heiligen Schrift weit aufgetan werden" (Dei Verbum 22).

Allerdings stimmt die verbreitete Erzählung nicht, Luther sei der Erste gewesen, der die Bibel ins Deutsche übersetzte. Vor seiner Übersetzung gab es bereits 18 gedruckte deutsche Bibelausgaben — 14 hochdeutsche und 4 niederdeutsche, die erste bereits 1466 in Straßburg, also über 50 Jahre vor Luther. Die Kirche hat die Bibel nie „versteckt".


Was Luther entfernte: Sieben Bücher des Alten Testaments

Luther stufte sieben Bücher des Alten Testaments als „Apokryphen" ein und stellte sie in einem Anhang zwischen Altes und Neues Testament — mit dem Vermerk: „Bücher, so der Heiligen Schrift nicht gleich gehalten, und doch nützlich und gut zu lesen sind."

Die betroffenen Bücher: Tobit, Judit, Weisheit, Jesus Sirach, Baruch, 1 Makkabäer, 2 Makkabäer — dazu die Zusätze zu Ester und Daniel.

In späteren protestantischen Ausgaben verschwanden diese Bücher vollständig. Die meisten heutigen evangelischen Bibeln enthalten nur noch 66 Bücher.

Warum entfernte Luther sie?

Nicht aus historischen oder textkritischen Gründen. Die Bücher waren in der Septuaginta enthalten — der griechischen Bibel, die die Apostel benutzten und aus der das Neue Testament überwiegend zitiert. Sie waren seit dem vierten Jahrhundert konziliarisch als kanonisch bestätigt.

Luther entfernte sie, weil sie seiner Theologie widersprachen:

2 Makkabäer lehrt das Gebet für Verstorbene und das sühnende Opfer für die Toten (2 Makk 12,42–46). Das widerspricht Luthers Ablehnung des Fegefeuers und des Totengebets.

Tobit lehrt die sühnende Kraft der Almosen: „Almosen rettet vor dem Tod und reinigt von jeder Sünde" (Tob 12,9). Das widerspricht Luthers Grundsatz „sola fide" — allein durch den Glauben, ohne dass Werke zum Heil beitragen.

Sirach lehrt: „Vergib deinem Nächsten das Unrecht, dann werden auch dir die Sünden vergeben" (Sir 28,2). Vergebung durch menschliches Handeln — das passte nicht in Luthers System.

Luther folgte stattdessen dem hebräischen Kanon, wie er um 90 nach Christus in Jamnia festgelegt worden war. Dieser Kanon wurde von jüdischen Rabbinern bestimmt — nach der Zerstörung des Tempels, nach der Trennung von Judentum und Christentum, und teilweise in bewusster Abgrenzung gegen Bücher, die von Christen verwendet wurden.

Die Apostel hatten die Septuaginta benutzt, nicht den Kanon von Jamnia. Luther wählte gegen die christliche Tradition eine jüdische Entscheidung des ersten Jahrhunderts.


Was Luther auch entfernen wollte — aber nicht durchsetzen konnte

Weniger bekannt ist, dass Luther auch Zweifel an vier neutestamentlichen Büchern äußerte und sie ans Ende seiner Bibelübersetzung verbannte, ohne Seitenzahl:

Der Hebräerbrief — Luther missfiel die Stelle Hebräer 6,4–6, die lehrt, dass es für manche Sünden nach der Taufe keine zweite Umkehr gibt. Das passte nicht zu seiner Rechtfertigungslehre.

Der Jakobusbrief — Luther nannte ihn eine „stroherne Epistel" (recht strohern Epistel), weil Jakobus 2,24 lehrt: „Ihr seht, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein." Und Jakobus 2,26: „Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot." Das steht in direktem Widerspruch zu Luthers „sola fide".

Der Judasbrief — Luther hielt ihn für eine bloße Abschrift des zweiten Petrusbriefs und für überflüssig.

Die Offenbarung des Johannes — Luther konnte „keinesfalls spüren, dass es vom Heiligen Geist verfasst sei" (Vorrede zur Offenbarung, 1522).

Luthers eigene Anhänger widersetzten sich diesen Streichungen. Die vier Bücher blieben im protestantischen Kanon — aber Luthers Bereitschaft, die Bibel nach seiner eigenen Theologie zu kürzen, ist historisch dokumentiert.


Was Luther veränderte: Die Einfügung von „allein"

Die bekannteste inhaltliche Veränderung betrifft Römer 3,28.

Der griechische Text sagt: „Wir sind der Überzeugung, dass der Mensch durch Glauben gerecht wird, ohne Werke des Gesetzes."

Luther übersetzte: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben."

Das Wort „allein" (monon im Griechischen) steht nicht im Originaltext. Luther fügte es ein.

Als er dafür kritisiert wurde, verteidigte er sich in seinem „Sendbrief vom Dolmetschen" (1530): Das Wort „allein" gehöre zum Sinn des Textes, auch wenn es nicht im Wortlaut stehe. Es sei nötig für gutes Deutsch.

Das mag sprachlich argumentierbar sein — aber es ist eine theologische Interpretation, die als Übersetzung getarnt wird. Und sie hat Konsequenzen: Mit dem eingefügten „allein" scheint Paulus zu lehren, dass Werke überhaupt keine Rolle spielen. Ohne das „allein" lehrt Paulus, dass die Werke des jüdischen Gesetzes (Beschneidung, Speisevorschriften) nicht rechtfertigen — was etwas anderes ist.

Jakobus widerspricht der Luther-Version direkt: „Ihr seht, dass der Mensch durch Werke gerecht wird und nicht durch Glauben allein" (Jak 2,24). Jakobus verwendet das Wort „allein" — um es zu verneinen. Kein Wunder, dass Luther den Jakobusbrief eine „stroherne Epistel" nannte.

Die katholische Lehre verbindet beides, wie Paulus es selbst tut: „Was zählt, ist der Glaube, der durch die Liebe wirksam wird" (Gal 5,6). Glaube und Werke der Liebe gehören zusammen — wie Leib und Seele.


Was das für heute bedeutet

Die Konsequenzen von Luthers Entscheidungen wirken bis heute:

Protestanten lesen eine gekürzte Bibel. 66 statt 73 Bücher. Sieben Bücher mit wichtigen Lehren über das Gebet für Verstorbene, die Unsterblichkeit der Seele, die sühnende Kraft der Werke und die Auferstehungshoffnung fehlen.

Wichtige biblische Grundlagen fehlen. Ohne 2 Makkabäer gibt es keine klare alttestamentliche Grundlage für das Totengebet. Ohne das Buch der Weisheit fehlt die stärkste alttestamentliche Aussage über die Unsterblichkeit der Seele. Ohne Tobit fehlt der Erzengel Raphael.

Die Bibelauslegung wurde fragmentiert. Ohne verbindliches Lehramt legt jeder die Bibel selbst aus. Das Ergebnis: über 40.000 protestantische Gemeinschaften weltweit, die sich auf dieselbe Bibel berufen und zu gegensätzlichen Ergebnissen kommen.

Die ökumenische Bewegung erkennt das Problem. Viele evangelische Theologen plädieren heute für eine Wiederaufnahme der deuterokanonischen Bücher. Die ökumenische „Einheitsübersetzung" der Bibel wurde ursprünglich sogar mit protestantischer Beteiligung erstellt — ein Zeichen der Annäherung.


Die katholische Bibel ist die vollständige Bibel

Die katholische Kirche hat nichts hinzugefügt. Sie hat bewahrt, was die Apostel überlieferten, was die Urkirche las und betete, was die Konzilien bestätigten.

73 Bücher — geschrieben über tausend Jahre, in drei Sprachen, von Dutzenden Autoren, auf drei Kontinenten. Und doch ein einziges, zusammenhängendes Buch, weil der eigentliche Autor der Heilige Geist ist.

Wer die ganze Bibel lesen will, braucht die ganze Bibel. Nicht 66 Bücher. Sondern 73.


Übersicht: Was Luther veränderte

Thema Was geschah
7 AT-Bücher Als „Apokryphen" abgewertet, in späteren Ausgaben ganz entfernt
Hebräerbrief Von Luther angezweifelt, ans Ende gestellt (blieb aber im Kanon)
Jakobusbrief Als „stroherne Epistel" abgewertet (blieb im Kanon)
Judasbrief Angezweifelt, ans Ende gestellt (blieb im Kanon)
Offenbarung Angezweifelt, ans Ende gestellt (blieb im Kanon)
Römer 3,28 „allein" eingefügt (steht nicht im griechischen Text)
Grundprinzip Sola Scriptura — die Bibel allein als Glaubensnorm (die Bibel selbst lehrt dies nicht)

Zum Weiterlesen

  • Katechismus der Katholischen Kirche: KKK 120 (Der Kanon), KKK 101–141 (Die Heilige Schrift)
  • Zweites Vatikanisches Konzil: Dei Verbum (Über die göttliche Offenbarung)
  • Konzil von Trient: Dekret über die kanonischen Schriften (4. Sitzung, 1546)
  • Die vollständige Bibel online: BibleServer — Einheitsübersetzung