Wer hat die Bibel zusammengestellt?
Die Bibel hat kein Inhaltsverzeichnis. Irgendjemand musste entscheiden, welche Bücher hineingehören. Dieser Jemand war die Kirche.
Jesus schrieb kein Buch
Wenn Gott gewollt hätte, dass ein Buch das alleinige Fundament des Glaubens ist, hätte er Jesus ein Buch schreiben lassen. Oder er hätte die Bibel vom Himmel herabgesandt, gebunden und nummeriert.
Jesus tat nichts dergleichen. Er schrieb keinen einzigen Satz auf — jedenfalls keinen, der überliefert ist. Stattdessen tat er etwas anderes: Er berief zwölf Apostel, lehrte sie drei Jahre lang, gab ihnen den Heiligen Geist und sandte sie aus: „Geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern" (Mt 28,19).
Jesus gründete eine Kirche. Kein Buch.
Die Apostel schrieben an Gemeinden, die bereits existierten
Die Briefe des Paulus — die ältesten Schriften des Neuen Testaments — wurden nicht als „Bibel" geschrieben. Sie waren Briefe an konkrete Gemeinden: Korinth, Rom, Thessalonich, Philippi. Paulus schrieb, um Probleme zu lösen, Fragen zu beantworten, Irrlehren zu korrigieren.
Diese Gemeinden existierten bereits, bevor die Briefe geschrieben wurden. Sie hatten den Glauben bereits empfangen — durch mündliche Verkündigung. Die Briefe ergänzten, was die Apostel persönlich gelehrt hatten. Paulus schreibt ausdrücklich: „Haltet an den Überlieferungen fest, die ihr empfangen habt, sei es mündlich oder brieflich" (2 Thess 2,15).
Auch die Evangelien entstanden innerhalb der Kirche. Lukas schreibt am Anfang seines Evangeliums: „Viele haben es schon unternommen, einen Bericht über die Ereignisse zu verfassen, die sich unter uns erfüllt haben, wie uns die überliefert haben, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren" (Lk 1,1–2). Lukas schöpft aus mündlicher Überlieferung und früheren Aufzeichnungen — er fasst zusammen, was die Kirche bereits wusste und verkündete.
Die Schriften des Neuen Testaments entstanden in der Kirche, durch die Kirche, für die Kirche.
Die Kirche bewahrte, las und kanonisierte
In den ersten Jahrhunderten kursierten viele Schriften unter den Christen: die vier Evangelien, die Paulusbriefe, die Apostelgeschichte, die katholischen Briefe, die Offenbarung — aber auch andere Texte wie der Hirte des Hermas, der Barnabasbrief, das Thomasevangelium, das Protevangelium des Jakobus.
Welche davon waren inspiriert? Welche gehörten zur Heiligen Schrift? Welche waren nur erbaulich oder sogar irreführend?
Die Bibel selbst gibt keine Antwort auf diese Frage. Es gibt keinen Bibelvers, der sagt: „Diese 73 Bücher und nur diese gehören zum Kanon." Die Entscheidung konnte nur von einer lebendigen Autorität getroffen werden — von der Kirche unter der Führung des Heiligen Geistes.
Die Kriterien, nach denen die Kirche den Kanon erkannte, waren:
Apostolischer Ursprung — Geht das Buch auf einen Apostel oder dessen unmittelbaren Schülerkreis zurück?
Übereinstimmung mit der Glaubensregel — Stimmt der Inhalt mit dem überein, was die Kirche von den Aposteln empfangen hat und überall lehrt?
Liturgische Verwendung — Wird das Buch in den Gemeinden beim Gottesdienst gelesen und als heilig anerkannt?
Die Konzilien legten den Kanon fest
Der Prozess der Kanonbildung war kein plötzliches Ereignis, sondern ein Wachstum unter der Führung des Heiligen Geistes. Im Laufe der ersten Jahrhunderte kristallisierte sich ein Konsens heraus, der schließlich von Konzilien bestätigt wurde:
Konzil von Rom (382) — unter Papst Damasus I: Die erste vollständige Liste aller 73 Bücher des Alten und Neuen Testaments.
Konzil von Hippo (393) — bestätigt den Kanon, einschließlich der deuterokanonischen Bücher.
Konzil von Karthago (397) — unter Mitwirkung des heiligen Augustinus: erneute Bestätigung derselben 73 Bücher.
Konzil von Florenz (1442) — wiederholt die Liste im Dekret für die Jakobiten.
Konzil von Trient (1546) — definiert den Kanon feierlich und endgültig, als Antwort auf Luthers Streichungen.
Dieselbe Liste. Dieselben 73 Bücher. Von 382 bis 1546 — über tausend Jahre lang unverändert.
Die entscheidende Konsequenz
Hier liegt eine Konsequenz, die selten bedacht wird:
Jeder Christ, der die Bibel aufschlägt und ihr vertraut, vertraut damit implizit der Autorität der Kirche, die diese Bücher ausgewählt hat.
Wer sagt: „Ich glaube der Bibel, aber nicht der Kirche", steht auf einem Fundament, das er gleichzeitig leugnet. Die Bibel kam nicht aus dem Nichts. Sie kam aus der Kirche. Die Kirche war zuerst da — und unter dem Beistand des Heiligen Geistes erkannte sie, welche Bücher Gottes Wort sind.
Wenn die Kirche sich beim Kanon geirrt hätte, wäre die Bibel nicht vertrauenswürdig. Wenn sie sich nicht geirrt hat, dann hat sie eine von Gott gegebene Autorität — nicht nur für den Kanon, sondern für die Auslegung und Bewahrung des Glaubens insgesamt.
Augustinus formulierte es im fünften Jahrhundert so: „Ich würde dem Evangelium nicht glauben, wenn mich nicht die Autorität der katholischen Kirche dazu bewöge" (Contra epistulam Manichaei 5,6).
Das bedeutet nicht, dass die Kirche über der Bibel steht. Es bedeutet, dass Bibel und Kirche zusammengehören — wie die zwei Seiten einer Medaille, wie Stimme und Ohr, wie Wort und Hörer.
Die Kirche — nicht nur Bewahrerin, sondern Mutter der Schrift
Die Kirche hat die Bibel nicht nur bewahrt. In einem bestimmten Sinne hat sie sie hervorgebracht.
Die Autoren des Neuen Testaments waren Mitglieder der Kirche. Sie schrieben aus dem Glauben der Kirche heraus, für die Gemeinden der Kirche. Lukas recherchierte, Paulus diktierte, Johannes meditierte — alle im Kontext der Kirche, alle getragen vom Glauben der Gemeinde, alle inspiriert vom Heiligen Geist, der in der Kirche wirkt.
Die Kirche kopierte die Schriften von Hand, Jahrhunderte lang, in unzähligen Klöstern und Skriptorien. Sie übersetzte sie ins Lateinische (Vulgata des Hieronymus, ca. 400), ins Syrische, Koptische, Armenische, Gotische und viele andere Sprachen — lange vor Luther und lange vor dem Buchdruck.
Die Kirche las die Schriften in jeder Messe, in jedem Stundengebet, in jedem Kirchenjahr. Sie machte die Bibel zum Herzstück ihrer Liturgie. Die Sonntagslesungen der katholischen Kirche decken in einem dreijährigen Zyklus den größten Teil der Bibel ab — mehr, als die meisten Christen jemals privat lesen.
Die Bibel ist das Buch der Kirche. Und die Kirche ist die Gemeinschaft, die das Buch hervorgebracht, bewahrt, gelesen und treu weitergegeben hat — seit zweitausend Jahren, unter der Führung desselben Heiligen Geistes, der es inspiriert hat.
Zum Weiterlesen
- Katechismus der Katholischen Kirche: KKK 120 (Der Kanon), KKK 101–141 (Die Heilige Schrift)
- Zweites Vatikanisches Konzil: Dei Verbum, Kapitel II–III
- Augustinus: Contra epistulam Manichaei 5,6