Die fehlenden Bücher — Warum die katholische Bibel 73 Bücher hat

Sieben Bücher des Alten Testaments fehlen in protestantischen Bibeln. Sie wurden nicht nachträglich hinzugefügt — sie wurden nachträglich entfernt.

Die sieben Bücher

Die katholische Bibel enthält 73 Bücher — 46 im Alten und 27 im Neuen Testament. Protestantische Bibeln enthalten nur 66 Bücher. Der Unterschied sind sieben Bücher des Alten Testaments, die seit der Reformation als „Apokryphen" abgewertet werden:

Tobit — Die Geschichte eines gottesfürchtigen Mannes im Exil, der durch Gebet, Almosen und die Hilfe des Erzengels Raphael gerettet wird. Lehrt die Kraft des Gebets und der guten Werke.

Judit — Eine mutige Frau rettet Israel durch Gebet, Fasten und Klugheit vor dem übermächtigen Feind. Die Kirche sieht in Judit ein Vorbild Marias.

Weisheit (Buch der Weisheit) — Lehrt die Unsterblichkeit der Seele und die göttliche Weisheit als Person. Enthält Schlüsselstellen über das ewige Leben: „Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand" (Weish 3,1).

Jesus Sirach (Ecclesiasticus) — Das umfassendste Weisheitsbuch der Bibel. Lehrt über Gottesverehrung, Familie, Freundschaft, Rede und Schweigen, Arbeit und Almosen.

Baruch — Geschrieben vom Sekretär des Propheten Jeremia. Ein Buch der Buße und Hoffnung im Exil, das die Weisheit mit Gottes Gesetz gleichsetzt.

1 Makkabäer — Historischer Bericht über den Freiheitskampf Israels gegen die griechische Besatzung und die Wiedereinweihung des Tempels (Chanukka).

2 Makkabäer — Ergänzende Darstellung derselben Ereignisse mit stärkerem theologischen Schwerpunkt: Auferstehungshoffnung, Gebet für Verstorbene, stellvertretendes Leiden.

Dazu kommen Ergänzungen zu bestehenden Büchern: Zusätze zu Ester und Daniel (Gebet Asarjas, Susanna, Bel und der Drache).


Diese Bücher waren immer Teil der Bibel

Die deuterokanonischen Bücher sind keine späte Ergänzung. Sie waren Teil der Septuaginta — der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, die etwa 250 vor Christus in Alexandria entstand.

Und die Septuaginta war die Bibel der Apostel.

Das Neue Testament zitiert das Alte Testament über 300 Mal. In der überwältigenden Mehrheit dieser Zitate folgen die Apostel nicht dem hebräischen Text, sondern der griechischen Septuaginta — jener Bibelausgabe, die die deuterokanonischen Bücher enthält. Die Urkirche kannte nur diese vollständige Bibel.


Das Neue Testament zitiert sie

Wer behauptet, diese Bücher seien „nicht biblisch", muss erklären, warum die Autoren des Neuen Testaments sie kennen, verwenden und voraussetzen:

Hebräerbrief und 2 Makkabäer: Der Hebräerbrief spricht von Menschen, die sich „foltern ließen und die Freilassung nicht annahmen, um eine bessere Auferstehung zu erlangen" (Hebr 11,35). Diese Beschreibung passt auf keine alttestamentliche Stelle — außer auf die sieben Brüder in 2 Makkabäer 7, die für den Glauben an die Auferstehung starben.

Jakobusbrief und Sirach: Jakobus schreibt: „Jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden" (Jak 1,19). Sirach lehrt: „Sei schnell beim Hören, aber bedächtig beim Antworten" (Sir 5,11).

Matthäusevangelium und Sirach: Jesus lehrt: „Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben" (Mt 6,14). Sirach: „Vergib deinem Nächsten das Unrecht, dann werden auch dir die Sünden vergeben, wenn du bittest" (Sir 28,2).

Matthäusevangelium und Tobit: Die Goldene Regel Jesu — „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen" (Mt 7,12) — findet sich bereits bei Tobit: „Was dir selbst verhasst ist, das tu auch keinem anderen an" (Tob 4,15).

Römerbrief und Buch der Weisheit: Paulus' Argumentation über die natürliche Gotteserkenntnis in Römer 1,20–25 folgt fast wörtlich dem Buch der Weisheit 13,1–9.

Epheserbrief und Buch der Weisheit: Die Waffenrüstung Gottes in Epheser 6,13–17 hat ihre Vorlage in Weisheit 5,17–20, wo Gott selbst seine Rüstung anlegt.

Johannesevangelium und 1 Makkabäer: Jesus feierte das Tempelweihfest in Jerusalem (Joh 10,22) — ein Fest, das nur in 1 Makkabäer 4,59 eingesetzt wird. Jesus selbst nahm an einem Fest teil, das in einem deuterokanonischen Buch begründet ist.


Was diese Bücher lehren — und was ohne sie fehlt

Die deuterokanonischen Bücher enthalten Lehren, die für den katholischen Glauben zentral sind. Ihre Entfernung hatte theologische Konsequenzen:

Gebet für die Verstorbenen — 2 Makkabäer 12,42–46: Judas Makkabäus ließ für gefallene Soldaten ein Sühnopfer darbringen und betete für sie: „Ein heiliger und frommer Gedanke! Darum ließ er die Toten entsühnen, damit sie von der Sünde befreit würden" (2 Makk 12,45–46). Diese Stelle ist die klarste biblische Grundlage für das Gebet für Verstorbene und damit für die Lehre vom Fegefeuer.

Die Unsterblichkeit der Seele — Weisheit 3,1–9: „Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand, und keine Qual kann sie berühren" (Weish 3,1). Nirgendwo im Alten Testament wird die Unsterblichkeit der Seele so klar ausgesprochen wie hier.

Sühnende Kraft der guten Werke — Tobit 12,8–9; Sirach 3,30: Der Erzengel Raphael lehrt: „Gebet mit Fasten und Almosen ist gut. Almosen rettet vor dem Tod und reinigt von jeder Sünde" (Tob 12,8–9). Sirach: „Wie Wasser ein loderndes Feuer löscht, so sühnt Almosen Sünden" (Sir 3,30). Diese Texte begründen die kirchliche Lehre von der sühnenden Kraft guter Werke.

Engel mit Namen — Tobit 12,15: Der Erzengel Raphael offenbart sich: „Ich bin Raphael, einer von den sieben heiligen Engeln, die das Gebet der Heiligen vor die Majestät des Herrn bringen" (Tob 12,15). Ohne Tobit kennen wir nur zwei Engelnamen biblisch (Michael und Gabriel).

Auferstehungshoffnung — 2 Makkabäer 7: Die sieben Brüder sterben für ihren Glauben an die Auferstehung. Der zweite Bruder spricht: „Du Verbrecher! Du nimmst uns dieses Leben — aber der König der Welt wird uns zu einem neuen, ewigen Leben auferwecken" (2 Makk 7,9). Das früheste explizite Zeugnis der Auferstehungshoffnung im Alten Testament.

Die Weisheit als göttliche Person — Weisheit 7,22–8,1: Die Weisheit wird als „Abglanz des ewigen Lichtes, fleckenloser Spiegel von Gottes Kraft und Bild seiner Güte" beschrieben (Weish 7,26). Der Hebräerbrief verwendet fast dieselben Worte für Christus (Hebr 1,3). Das Buch der Weisheit bereitet die neutestamentliche Logos-Christologie vor.


Warum Luther diese Bücher entfernte

Martin Luther entfernte die deuterokanonischen Bücher nicht aus historischen oder textkritischen Gründen, sondern aus theologischen. Sie widersprachen zentralen Punkten seiner Lehre:

2 Makkabäer widerspricht Luthers Ablehnung des Fegefeuers und des Gebets für Verstorbene. Wenn 2 Makk 12,42–46 kanonisch ist, hat die Kirche eine klare biblische Grundlage für das Totengebet.

Tobit und Sirach widersprechen der Lehre, dass der Mensch „allein durch den Glauben" (sola fide) gerechtfertigt wird, ohne dass gute Werke sühnende Kraft haben. Wenn Tobit 12,8–9 kanonisch ist, haben gute Werke biblisch belegten Sühnewert.

Das Buch der Weisheit widerspricht Luthers materialistischer Tendenz in der Anthropologie mit seiner klaren Lehre von der Unsterblichkeit der Seele.

Luther berief sich stattdessen auf den hebräischen Kanon, wie er in Jamnia (ca. 90 nach Christus) festgelegt wurde — ein Kanon, den jüdische Rabbiner nach der Zerstörung des Tempels bestimmten, teilweise in bewusster Abgrenzung gegen die Christen. Die Apostel selbst hatten die Septuaginta verwendet, nicht den Kanon von Jamnia.

Es ist eine historische Ironie: Luther vertraute für seine Bibelauswahl einer jüdischen Entscheidung des ersten Jahrhunderts — gegen die christliche Tradition, die seit dem vierten Jahrhundert den vollständigen Kanon bezeugt.

Luther wollte übrigens nicht nur diese sieben Bücher streichen. Er wollte auch den Hebräerbrief entfernen (weil er seiner Rechtfertigungslehre widersprach), den Jakobusbrief (den er eine „stroherne Epistel" nannte, weil Jakobus 2,26 lehrt: „Glaube ohne Werke ist tot"), den Judasbrief und die Offenbarung des Johannes. Das ging selbst seinen eigenen Anhängern zu weit — aber die sieben alttestamentlichen Bücher blieben draußen.


Die Konzilien sprechen klar

Die Kanonizität dieser Bücher wurde nicht im Mittelalter erfunden, sondern bereits in der alten Kirche bezeugt:

Konzil von Rom (382) — unter Papst Damasus I: Liste aller 73 Bücher.

Konzil von Hippo (393) — bestätigt den vollständigen Kanon einschließlich der deuterokanonischen Bücher.

Konzil von Karthago (397) — unter Mitwirkung des heiligen Augustinus: erneute Bestätigung.

Konzil von Florenz (1442) — wiederholt die Liste.

Konzil von Trient (1546) — definiert den Kanon feierlich und endgültig gegen die reformatorischen Streichungen: 73 Bücher, nicht mehr und nicht weniger.

Die Kirche hat diese Bücher nicht hinzugefügt. Sie hat sie bewahrt — gegen eine nachträgliche Streichung.


Was bedeutet „deuterokanonisch"?

Das Wort kommt vom Griechischen: deuteros (zweiter) und kanon (Maßstab, Richtschnur). Es bedeutet nicht „weniger inspiriert" oder „zweiter Klasse". Es bedeutet lediglich, dass die Zugehörigkeit dieser Bücher zum Kanon in einigen Ortskirchen länger diskutiert wurde als bei anderen Büchern.

Ähnliche Diskussionen gab es übrigens auch über neutestamentliche Bücher: Der Hebräerbrief, der Jakobusbrief, der zweite Petrusbrief, der Judasbrief und die Offenbarung waren ebenfalls zeitweise umstritten. Niemand bestreitet heute, dass sie zum Neuen Testament gehören.

Die Kirche hat unter der Führung des Heiligen Geistes den vollständigen Kanon erkannt — nicht erfunden. Wer der Bibel vertraut, vertraut implizit der Kirche, die entschieden hat, welche Bücher zur Bibel gehören.


Zum Weiterlesen

  • Katechismus der Katholischen Kirche: KKK 120 (Der Kanon der Heiligen Schrift)
  • Zweites Vatikanisches Konzil: Dei Verbum (Über die göttliche Offenbarung), Kapitel III
  • Konzil von Trient: Dekret über die kanonischen Schriften (4. Sitzung, 1546)

Die deuterokanonischen Bücher online lesen: BibleServer — Einheitsübersetzung