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Handschriften, Übersetzungen und die Überlieferung der Bibel

Kein anderes Werk der Antike ist handschriftlich so reich bezeugt wie das Neue Testament. Mönche, Gelehrte und die ganze Kirche haben die Bibel über Jahrhunderte mit großer Sorgfalt bewahrt.

Die großen Handschriften

Kein Original-Manuskript der Bibel ist erhalten. Das gilt für jedes antike Werk. Die Bibel, besonders das Neue Testament, ist aber durch eine Fülle von Abschriften bezeugt, die in Alter und Anzahl die Überlieferung anderer antiker Werke weit übertreffen.

Codex Vaticanus (ca. 300–350 n. Chr.): eine der wichtigsten Bibelhandschriften, aufbewahrt in der Vatikanischen Bibliothek. Er enthält große Teile der Bibel auf Griechisch, darunter mehrere deuterokanonische Bücher (Weisheit, Sirach, Judit, Tobit, Baruch); die Makkabäerbücher fehlen. Das zeigt, dass diese Bücher im 4. Jahrhundert mit den übrigen Büchern des Alten Testaments überliefert wurden.

Codex Sinaiticus (ca. 330–360 n. Chr.): ab 1844 von Konstantin von Tischendorf im Katharinenkloster auf dem Sinai aufgefunden. Er enthält das vollständige Neue Testament und große Teile des Alten Testaments, einschließlich deuterokanonischer Bücher. Heute aufgeteilt zwischen der British Library, Leipzig, St. Petersburg und dem Sinai.

Codex Alexandrinus (ca. 400–440 n. Chr.): Er enthält fast die gesamte Bibel auf Griechisch und liegt heute in der British Library.

Die Qumran-Rollen (ca. 250 v. Chr. – 70 n. Chr.): 1947 in Höhlen am Toten Meer entdeckt. Reste von über 900 Schriftrollen, darunter Teile fast aller Bücher der hebräischen Bibel. Die Funde zeigen, wie sorgfältig der Text überliefert wurde: Die große Jesaja-Rolle aus dem 2. Jahrhundert vor Christus stimmt weitgehend mit mittelalterlichen Abschriften überein, obwohl über tausend Jahre Abschreiben dazwischen lagen.

Zusätzlich zu diesen großen Codices gibt es über 5.800 griechische Handschriften des Neuen Testaments (vollständige und Fragmente), dazu Tausende Handschriften alter lateinischer, syrischer, koptischer und anderer Übersetzungen.


Die Septuaginta: Die Bibel der Apostel

Die Septuaginta (LXX) ist die griechische Übersetzung des Alten Testaments, die ab dem 3. Jahrhundert vor Christus in Alexandria entstand, beginnend mit den fünf Büchern Mose. Der Name geht auf die Legende zurück, dass 72 jüdische Gelehrte (gerundet 70) die Übersetzung angefertigt hätten; spätere Fassungen erzählen, sie hätten unabhängig voneinander gearbeitet und seien zum selben Ergebnis gekommen.

Die Septuaginta war die Bibel der griechischsprachigen Juden und wurde zur Bibel der frühen Kirche (vgl. Dei Verbum 22). Das Neue Testament zitiert das Alte Testament überwiegend nach der Septuaginta. Die deuterokanonischen Bücher sind in ihr überliefert und wurden in der frühen Kirche als Heilige Schrift gelesen.

Die Septuaginta ist nicht einfach eine „Übersetzung“, sondern ein eigenständiges theologisches Zeugnis. An manchen Stellen weicht sie vom hebräischen Text ab und bietet eine Lesart, die für das christliche Verständnis bedeutsam ist: So übersetzt sie in Jesaja 7,14 das hebräische almah (junge Frau) mit dem griechischen parthenos (Jungfrau). Diese Lesart zitiert Matthäus in seinem Evangelium (Mt 1,23).


Die Vulgata: Die lateinische Bibel der westlichen Kirche

Um 382 beauftragte Papst Damasus I. den Gelehrten Hieronymus mit einer Überarbeitung der lateinischen Evangelien. Später übersetzte Hieronymus große Teile des Alten Testaments neu aus dem Hebräischen. Er war einer der großen Sprachkenner seiner Zeit und beherrschte Lateinisch, Griechisch und Hebräisch.

Das Ergebnis war die Vulgata, die „allgemein verbreitete“ Übersetzung, die über tausend Jahre lang die Standardbibel der westlichen Kirche war. Das Konzil von Trient erklärte sie 1546 für den öffentlichen Gebrauch in Lehre, Predigt und Disputation als „authentisch“.

Dass Hieronymus das Alte Testament direkt aus dem Hebräischen übersetzte, war neu in der lateinischen Tradition. Gegenüber den deuterokanonischen Büchern hatte er Vorbehalte, weil sie nicht zur hebräischen Bibel gehören. Von ihnen übersetzte er nur Tobit und Judit neu, auf Bitten von Bischöfen und mit Hinweis auf ihren kirchlichen Gebrauch. Die übrigen (Weisheit, Sirach, Baruch, 1–2 Makkabäer) gelangten in der älteren lateinischen Übersetzung (Vetus Latina) in die Vulgata. Die Kirche las sie weiterhin als Heilige Schrift.


Bibelübersetzungen vor Luther

Oft heißt es, Luther habe die Bibel „dem Volk gegeben“, weil sie vorher nur auf Lateinisch existiert habe. Historisch trifft das so nicht zu.

Vor Luthers Bibelübersetzung von 1522 (NT) bzw. 1534 (Gesamtbibel) gab es bereits:

14 hochdeutsche und 4 niederdeutsche gedruckte Bibelausgaben. Die erste war die Mentelin-Bibel von 1466 in Straßburg, 56 Jahre vor Luthers Neuem Testament. Diese Ausgaben beruhten auf der lateinischen Vulgata und waren teuer, aber es gab sie.

In anderen Sprachen gab es noch frühere Übersetzungen: Die gotische Bibel des Wulfila (ca. 360), die altsyrische Peschita (2.–5. Jh.), altenglische Teilübersetzungen (ab dem 7. Jh.), die altslawische Bibel von Kyrill und Method (9. Jh.).

Die Kirche hat die Bibel Jahrhundert für Jahrhundert bewahrt, abgeschrieben, übersetzt und in der Liturgie gelesen. Was Luther leistete, war eine sprachlich hervorragende Neuübersetzung, aber nicht die erste Übersetzung ins Deutsche.


Moderne katholische Bibelübersetzungen

Die Einheitsübersetzung (2016): die revidierte Fassung der katholischen Bibelübersetzung für den deutschen Sprachraum, verantwortet von den katholischen Bischöfen des deutschen Sprachgebiets. Sie ist für die Liturgie approbiert und enthält alle 73 Bücher.

Die Jerusalemer Bibel: eine Studienbibel, deren Einleitungen und Anmerkungen auf die französische Bible de Jérusalem der École Biblique in Jerusalem zurückgehen; die deutsche Ausgabe verwendet den Text der Einheitsübersetzung.

Die Nova Vulgata (1979): die überarbeitete lateinische Bibel, die Papst Johannes Paul II. 1979 als maßgebliche Ausgabe (editio typica) veröffentlichte. Sie revidiert die Vulgata anhand der hebräischen und griechischen Urtexte.


Sorgfältig abgeschrieben

Die Bibel wurde über Jahrhunderte von Hand kopiert, vor allem von Mönchen in den Klöstern. Sie arbeiteten mit großer Sorgfalt. Fehler waren unvermeidlich, aber die Vergleichung Tausender Handschriften zeigt: Der Text wurde mit erstaunlicher Treue bewahrt.

Die Qumran-Funde haben das bestätigt: Die große Jesaja-Rolle aus dem 2. Jahrhundert vor Christus stimmt weitgehend mit den mittelalterlichen Abschriften überein.

Diese Treue hat mit dem Glauben derer zu tun, die abschrieben: Sie wussten, dass sie nicht irgendein Buch bewahrten, sondern das Wort Gottes.


Zum Weiterlesen

  • Katechismus der Katholischen Kirche: KKK 120 (Der Kanon), KKK 131–133 (Die Heilige Schrift im Leben der Kirche)
  • Zweites Vatikanisches Konzil: Dei Verbum, Kapitel VI (Die Heilige Schrift im Leben der Kirche)