Wie das Neue Testament entstand
Jesus schrieb nichts auf. Er gründete eine Kirche. Und diese Kirche brachte das Neue Testament hervor.
Jesus und die mündliche Verkündigung (ca. 30–50 n. Chr.)
Jesus von Nazareth lehrte drei Jahre lang in Galiläa und Judäa. Er predigte in Gleichnissen, heilte Kranke, trieb Dämonen aus, diskutierte mit Schriftgelehrten. Er versammelte einen Kreis von zwölf Aposteln und einen weiteren Kreis von Jüngern um sich.
Nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt begannen die Apostel zu verkünden, was sie erlebt hatten. Die früheste Form des Evangeliums war kein Buch, sondern das Kerygma — die lebendige Predigt: Jesus ist der Messias, er ist gestorben und auferstanden, durch ihn gibt es Vergebung der Sünden.
Petrus predigte an Pfingsten (Apg 2), Stephanus vor dem Hohen Rat (Apg 7), Philippus dem Kämmerer aus Äthiopien (Apg 8), Paulus in Synagogen und auf dem Areopag (Apg 17). Die Kirche wuchs — durch das gesprochene Wort, lange bevor ein einziges Evangelium geschrieben war.
Die Paulusbriefe: Die ältesten NT-Schriften (ca. 50–67 n. Chr.)
Die ältesten Schriften des Neuen Testaments sind nicht die Evangelien, sondern die Briefe des Paulus. Der erste Thessalonicherbrief entstand um 50/51 n. Chr. — etwa zwanzig Jahre nach der Auferstehung.
Paulus schrieb an Gemeinden, die er gegründet hatte oder besuchen wollte: Thessalonich, Korinth, Galatien, Philippi, Rom, Ephesus, Kolossä. Seine Briefe waren keine systematischen Abhandlungen, sondern Antworten auf konkrete Fragen und Probleme: Streit in Korinth, Irrlehren in Galatien, Fragen zur Auferstehung, zur Eucharistie, zur Gemeindeordnung.
In seinen Briefen finden sich die ältesten schriftlichen Zeugnisse des christlichen Glaubens: der Einsetzungsbericht der Eucharistie (1 Kor 11,23–26), der Auferstehungsbericht (1 Kor 15,3–8), der Christushymnus (Phil 2,6–11), die Rechtfertigungslehre (Röm 3–8), die Lehre vom Leib Christi (1 Kor 12).
Die Evangelien (ca. 65–100 n. Chr.)
Die Evangelien entstanden in der zweiten Generation der Kirche, als die Augenzeugen allmählich starben und die mündliche Überlieferung in schriftlicher Form bewahrt werden musste.
Markus (ca. 65–70) — Das älteste Evangelium. Knapp, direkt, schnell. Markus schreibt für eine verfolgte Gemeinde (wahrscheinlich Rom) und zeigt Jesus als den leidenden Menschensohn. Die Tradition sagt: Markus schrieb die Erinnerungen des Petrus nieder.
Matthäus (ca. 70–85) — Schreibt für eine judenchristliche Gemeinde und zeigt Jesus als den neuen Mose, der das Gesetz erfüllt. Matthäus ordnet Jesu Lehre in fünf große Reden (Bergpredigt, Aussendungsrede, Gleichnisrede, Gemeinschaftsrede, Endzeitrede) — parallel zu den fünf Büchern Mose.
Lukas (ca. 75–85) — Der sorgfältige Historiker. Lukas recherchiert, interviewt Augenzeugen und schreibt ein geordnetes Werk (Lk 1,1–4). Er betont Jesu Zuwendung zu den Armen, den Frauen, den Sündern, den Heiden. Sein Evangelium und die Apostelgeschichte bilden ein Doppelwerk.
Johannes (ca. 90–100) — Das jüngste und theologisch tiefste Evangelium. Johannes schreibt keine Chronik, sondern eine Meditation: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt" (Joh 1,14). Er berichtet Gespräche und Zeichen, die die anderen nicht erwähnen (Nikodemus, Samariterin, Lazarus, Fußwaschung).
Warum vier Evangelien?
Die Kirche hat nie versucht, die vier Evangelien zu einem einzigen zusammenzufassen — obwohl es Versuche gab (das Diatessaron des Tatian, ca. 170). Die vier Evangelien bieten vier Perspektiven auf denselben Christus:
Matthäus zeigt den Lehrer, Markus den Leidenden, Lukas den Barmherzigen, Johannes den Ewigen.
Irenäus von Lyon (ca. 180) verglich die vier Evangelien mit den vier Lebewesen der Offenbarung (Offb 4,7): Matthäus als Mensch (Stammbaum), Markus als Löwe (Wüste), Lukas als Stier (Tempelopfer), Johannes als Adler (Himmlischer Prolog). Vier Stimmen, ein Evangelium.
Die übrigen Schriften
Neben den Evangelien und Paulusbriefen enthält das Neue Testament weitere Schriften, die in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts entstanden:
Die Apostelgeschichte (Lukas) — die Fortsetzung des Lukasevangeliums. Sie erzählt die Geschichte der Kirche von Pfingsten bis zur Ankunft des Paulus in Rom.
Der Hebräerbrief — Verfasser unbekannt (die Tradition schwankt zwischen Paulus, Apollos und Barnabas). Eine tiefgründige Auslegung des alttestamentlichen Priestertums, das in Christus seine Erfüllung findet.
Die Katholischen Briefe — Jakobus, 1–2 Petrus, 1–3 Johannes, Judas. „Katholisch" bedeutet hier „allgemein" — sie richten sich nicht an einzelne Gemeinden, sondern an die ganze Kirche.
Die Offenbarung des Johannes — das einzige prophetische Buch des Neuen Testaments. Geschrieben in der Verfolgungszeit unter Kaiser Domitian (ca. 95 n. Chr.), eine Vision der himmlischen Liturgie und des endgültigen Sieges Christi.
Vom Schreiben zum Kanon
Die Schriften des Neuen Testaments wurden nicht sofort als „Bibel" betrachtet. Sie kursierten zunächst als Einzelschriften in den Gemeinden. Manche Gemeinden kannten nur einige Paulusbriefe, andere nur ein Evangelium.
Es dauerte Jahrhunderte, bis sich der Kanon von 27 Büchern durchsetzte. Einige Bücher — Hebräer, Jakobus, 2 Petrus, Judas, Offenbarung — waren zeitweise umstritten. Andere Schriften — der Hirte des Hermas, der Erste Clemensbrief, die Didache — wurden in manchen Gemeinden wie heilige Schrift gelesen, aber letztlich nicht in den Kanon aufgenommen.
Die Kirche erkannte den Kanon unter der Führung des Heiligen Geistes — auf den Konzilien von Hippo (393) und Karthago (397). Derselbe Kanon, der bis heute gilt: 27 Bücher des Neuen Testaments.
Die entscheidende Erkenntnis
Das Neue Testament entstand nicht neben der Kirche oder über der Kirche. Es entstand in der Kirche. Die Kirche war zuerst da — gegründet von Christus, belebt vom Heiligen Geist an Pfingsten, getragen von der mündlichen Verkündigung der Apostel.
Dann, im Laufe der Jahrzehnte, brachte diese Kirche Schriften hervor. Und schließlich erkannte dieselbe Kirche unter dem Beistand des Geistes, welche dieser Schriften zum Kanon der Heiligen Schrift gehören.
Die Bibel ist das Buch der Kirche. Wer der Bibel vertraut, vertraut der Kirche, die sie hervorgebracht und kanonisiert hat.
Zum Weiterlesen
- Katechismus der Katholischen Kirche: KKK 124–127 (Das Neue Testament)
- Zweites Vatikanisches Konzil: Dei Verbum, Kapitel V (Das Neue Testament)