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Wie der Kanon der Bibel entstand

73 Bücher: Wer hat entschieden, welche dazugehören? Und warum gerade diese?

Was ist der Kanon?

Das griechische Wort kanon bedeutet Richtschnur, Maßstab. Der Kanon der Bibel ist die verbindliche Liste der Bücher, die als von Gott inspirierte Heilige Schrift anerkannt sind.

Die Bibel enthält keinen Bibelvers, der sagt: „Folgende 73 Bücher gehören zur Heiligen Schrift.“ Es gibt kein Inhaltsverzeichnis, das vom Himmel gefallen wäre. Die Frage, welche Bücher kanonisch sind, konnte nur von einer lebendigen Autorität beantwortet werden: der Kirche, unter der Führung des Heiligen Geistes.


Die Kriterien der Kanonbildung

Die Kirche hat den Kanon nicht willkürlich festgelegt. Sie hat ihn erkannt, und zwar anhand von Kriterien, die sich in den ersten Jahrhunderten herausbildeten:

Apostolischer Ursprung. Geht das Buch auf einen Apostel oder den unmittelbaren Schülerkreis eines Apostels zurück? Markus gilt als Schüler des Petrus, Lukas als Begleiter des Paulus. Dieses Kriterium sichert die Rückbindung an die Augenzeugen.

Übereinstimmung mit der Glaubensregel. Stimmt der Inhalt mit dem überein, was die Kirche von den Aposteln empfangen hat und überall lehrt? Die regula fidei, also der Kern des Glaubens, wie er in den Taufbekenntnissen zusammengefasst ist, diente als Prüfstein. Ein Buch, das der überlieferten Lehre widersprach, konnte nicht inspiriert sein.

Liturgische Verwendung. Wurde das Buch in den Gemeinden beim Gottesdienst gelesen und als heilig anerkannt? Die Praxis der betenden Kirche war ein wichtiger Anhaltspunkt, nach dem Grundsatz lex orandi, lex credendi (wie wir beten, so glauben wir).


Umstrittene Bücher

Nicht alle Bücher wurden von Anfang an überall anerkannt. Die Kirchengeschichte unterscheidet zwischen Homologumena (allgemein anerkannte Bücher) und Antilegomena (zeitweise umstrittene Bücher).

Zu den umstrittenen Büchern gehörten:

Im Neuen Testament: der Hebräerbrief (wegen der unklaren Verfasserschaft), der Jakobusbrief (wegen der unsicheren Verfasserschaft und geringen Verbreitung), der zweite Petrusbrief, der Judasbrief und die Offenbarung des Johannes.

Im Alten Testament: die sieben deuterokanonischen Bücher (Tobit, Judit, Weisheit, Sirach, Baruch, 1–2 Makkabäer), die in der hebräischen Bibel des Judentums nicht enthalten sind, aber in der Septuaginta und in der liturgischen Praxis der Kirche ihren festen Platz hatten.

Die Kirche entschied in beiden Fällen: Diese Bücher gehören zum Kanon. Die Diskussion war legitim, das Ergebnis verbindlich.


Der Weg zum Kanon: Stationen

Mitte des 2. Jahrhunderts: Marcion, ein Irrlehrer, stellte einen verkürzten Kanon auf (nur ein von ihm bearbeitetes Lukasevangelium und zehn Paulusbriefe, kein AT). Die Kirche reagierte, indem sie begann, den Umfang des Kanons klarer zu definieren.

Das Fragment von Muratori (meist um 170–200 datiert, die Datierung ist umstritten): Es gilt als eine der ältesten bekannten Kanonlisten. Sie enthält die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, die Paulusbriefe, einige katholische Briefe und die Offenbarung, aber noch nicht alle 27 Bücher.

Origenes (ca. 185–254): Der große alexandrinische Theologe unterscheidet zwischen allgemein anerkannten und umstrittenen Büchern, tendiert aber zu einem umfassenden Kanon.

Eusebius von Caesarea (ca. 260–340): In seiner Kirchengeschichte ordnet er die Schriften in anerkannte, umstrittene und abgelehnte Bücher. Die Kernliste entspricht weitgehend dem heutigen Kanon.

Athanasius von Alexandria (367): In seinem 39. Osterfestbrief steht die älteste bekannte Liste, die genau die 27 Bücher des Neuen Testaments nennt, die wir heute kennen.


Synoden und Konzilien bestätigen

Römische Synode unter Papst Damasus I. (382): Ihr wird eine Liste der biblischen Bücher zugeschrieben, die die deuterokanonischen Bücher einschließt. Sie ist im sogenannten Decretum Gelasianum überliefert; Zuschreibung und Datierung sind in der Forschung umstritten.

Synode von Hippo (393): Die nordafrikanische Regionalsynode stellt eine Liste der kanonischen Bücher auf, einschließlich der deuterokanonischen.

Synoden von Karthago (397 und 419): Unter Beteiligung des heiligen Augustinus wird diese Liste bestätigt. Inhaltlich entspricht sie dem Kanon, der bis heute in der katholischen Kirche gilt.

Konzil von Florenz (1442): Das ökumenische Konzil nennt die Bücher des Kanons im Dekret für die Jakobiten.

Konzil von Trient (1546): Es definiert den Kanon in seiner 4. Sitzung feierlich und verbindlich, als Antwort auf die Infragestellung durch die Reformatoren. Wer die dort aufgezählten Bücher nicht vollständig, mit allen ihren Teilen, als heilig und kanonisch annimmt, wird mit dem Anathem belegt (anathema sit).


Warum der Kanon nicht selbstverständlich war

Der Kanon ergab sich nicht von selbst. Es gab echte Fragen und Diskussionen, auch Unsicherheiten.

Der Grund: Die Inspiration eines Buches steht ihm nicht auf der Stirn geschrieben. Ein inspiriertes Buch unterscheidet sich äußerlich nicht von einem nicht-inspirierten. Es braucht eine Autorität, die unter dem Beistand des Heiligen Geistes erkennt, was inspiriert ist und was nicht.

Diese Autorität ist die Kirche. Jesus versprach: „Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten“ (Joh 16,13). Die Kanonbildung ist eine Frucht dieses Versprechens.


Was das für heute bedeutet

Wer die Bibel aufschlägt, hält ein Buch in Händen, das die Kirche zusammengestellt hat. Die 73 Bücher stehen dort nicht, weil sie sich selbst als kanonisch ausgewiesen hätten, sondern weil die Kirche sie unter der Führung des Heiligen Geistes als Gottes Wort erkannt hat.

Daraus folgt aus katholischer Sicht: Die Autorität der Bibel und die Autorität der Kirche gehören zusammen (vgl. Dei Verbum 10). „Die apostolische Überlieferung ließ die Kirche unterscheiden, welche Schriften in das Verzeichnis der heiligen Bücher aufgenommen werden sollten“ (KKK 120).

Der Kanon ist deshalb ein gewichtiges Argument dafür, dass die Kirche eine von Gott gegebene Lehrautorität besitzt.


Zum Weiterlesen

  • Katechismus der Katholischen Kirche: KKK 120 (Der Kanon der Heiligen Schrift)
  • Zweites Vatikanisches Konzil: Dei Verbum, Kapitel III
  • Athanasius von Alexandria: 39. Osterfestbrief (367 n. Chr.)