Wie das Alte Testament entstand

Tausend Jahre Gottesgeschichte — von der mündlichen Erzählung am Lagerfeuer bis zur griechischen Bibel der Apostel.

Am Anfang war das Wort — gesprochen, nicht geschrieben

Lange bevor es Bücher gab, gab es Geschichten. Die Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob erzählten von Gottes Verheißungen. Die Familien Israels gaben die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten von Generation zu Generation weiter — am Pessachabend, beim gemeinsamen Mahl, im Gebet.

Diese mündliche Überlieferung war kein unzuverlässiges Stille-Post-Spiel. In einer Kultur ohne Schriftlichkeit war das Gedächtnis geschult und die Weitergabe heiliger Texte eine ernste Angelegenheit. Formeln, Lieder, Gesetze und Erzählungen wurden wortgetreu bewahrt — oft über Jahrhunderte.


Die ersten Aufzeichnungen: Königszeit (ca. 1000–600 v. Chr.)

Mit der Errichtung des Königtums unter David und Salomo (um 1000 v. Chr.) begann eine Phase der Verschriftlichung. Am Königshof gab es Schreiber, Archive und die Mittel, umfangreiche Texte festzuhalten.

In dieser Zeit entstanden erste Aufzeichnungen der Geschichtsbücher (die Erzählungen über Saul, David und Salomo), Teile des Pentateuch (der fünf Bücher Mose), frühe Psalmen und Spruchsammlungen.

Die Propheten Amos, Hosea, Jesaja und Micha wirkten im 8. Jahrhundert vor Christus — ihre Worte wurden von Schülern aufgezeichnet und gesammelt.


Das Exil als Katalysator (586 v. Chr.)

Die Zerstörung Jerusalems und des Tempels durch die Babylonier im Jahr 586 v. Chr. war eine Katastrophe — und zugleich ein entscheidender Moment für die Entstehung der Bibel.

Im Exil, fern vom Tempel und vom Heimatland, wurde die Bewahrung der heiligen Texte zur Überlebensfrage. Priester und Schriftgelehrte sammelten, ordneten und redigierten die überlieferten Texte. Der Pentateuch erhielt seine endgültige Gestalt. Die Geschichtsbücher wurden zusammengestellt. Die prophetischen Sammlungen wuchsen.

Die Schrift wurde zum tragbaren Heiligtum — wo kein Tempel war, war das Wort Gottes.


Nach dem Exil: Weisheit und Makkabäer (5.–1. Jh. v. Chr.)

Nach der Rückkehr aus dem Exil (ab 538 v. Chr.) setzte sich die literarische Tätigkeit fort. Die Bücher Esra und Nehemia dokumentieren den Wiederaufbau. Die Chronikbücher bieten eine theologische Neuerzählung der Geschichte.

In der hellenistischen Zeit (ab dem 3. Jh. v. Chr.) entstanden die jüngsten Bücher des Alten Testaments: das Buch der Weisheit, Jesus Sirach, die beiden Makkabäerbücher, Teile von Daniel. Sie wurden auf Griechisch oder Hebräisch verfasst und spiegeln die Begegnung des jüdischen Glaubens mit der griechischen Kultur.


Die Septuaginta: Die Bibel der Apostel (ca. 250 v. Chr.)

Um 250 v. Chr. entstand in Alexandria — dem Zentrum der jüdischen Diaspora in Ägypten — eine griechische Übersetzung des Alten Testaments: die Septuaginta (abgekürzt LXX, nach der Legende von 70 Gelehrten übersetzt).

Die Septuaginta enthält alle Bücher des hebräischen Kanons plus die sieben deuterokanonischen Bücher (Tobit, Judit, Weisheit, Sirach, Baruch, 1+2 Makkabäer) und Zusätze zu Ester und Daniel.

Die Septuaginta wurde zur Bibel der Urkirche. Das Neue Testament zitiert das Alte Testament in der großen Mehrheit der Fälle nach der Septuaginta, nicht nach dem hebräischen Text. Wenn Matthäus die Propheten zitiert, wenn Paulus aus den Psalmen predigt, wenn der Hebräerbrief das Alte Testament auslegt — fast immer folgen sie dem griechischen Wortlaut der Septuaginta.


Der Kanon von Jamnia (ca. 90 n. Chr.)

Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels (70 n. Chr.) versammelten sich jüdische Rabbiner in Jamnia (Javne), um den jüdischen Kanon neu zu ordnen. Sie schlossen die deuterokanonischen Bücher aus und legten einen engeren, rein hebräischen Kanon fest: 39 Bücher.

Diese Entscheidung fiel nach Christus, nach den Aposteln, nach der Gründung der Kirche — und teilweise in bewusster Abgrenzung gegen das Christentum. Bücher, die von Christen besonders geschätzt wurden (wie die Weisheit und 2 Makkabäer), fielen heraus.

Martin Luther folgte im 16. Jahrhundert diesem jüdischen Kanon von Jamnia — gegen die christliche Tradition, die seit dem 4. Jahrhundert den vollständigen Kanon der Septuaginta bezeugt.

Die katholische Kirche bewahrt den Kanon, den die Apostel benutzten: 46 Bücher im Alten Testament, überliefert in der Septuaginta und bestätigt durch die Konzilien.


Zum Weiterlesen

  • Katechismus der Katholischen Kirche: KKK 120–123
  • Zweites Vatikanisches Konzil: Dei Verbum, Kapitel IV (Das Alte Testament)