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Die drei Säulen: Schrift, Tradition, Lehramt

Der katholische Glaube steht auf drei Beinen. Nimmt man eines weg, fällt der Stuhl um.

Warum drei Säulen?

Jesus hat keine Schrift hinterlassen. Er vertraute sein Evangelium Menschen an: den Aposteln. Er sagte: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern“ (Mt 28,19). Er sagte: „Wer euch hört, der hört mich“ (Lk 10,16). Er versprach: „Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten“ (Joh 16,13).

Die Apostel gaben das Evangelium weiter, mündlich und schriftlich. Sie gründeten Gemeinden, setzten Bischöfe ein, feierten die Eucharistie, tauften, lehrten. Einiges davon schrieben sie auf. Vieles gaben sie mündlich weiter. Im zweiten Thessalonicherbrief heißt es: „Haltet an den Überlieferungen fest, in denen wir euch unterwiesen haben, sei es mündlich, sei es durch einen Brief!“ (2 Thess 2,15).

Das Zweite Vatikanische Konzil nennt drei Größen, die zusammengehören: die Heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche (Dei Verbum 10).


Die erste Säule: Die Heilige Schrift

Die Bibel ist das inspirierte, geschriebene Wort Gottes. 73 Bücher, verfasst unter dem Beistand des Heiligen Geistes, die ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott für unser Heil mitteilen wollte (Dei Verbum 11).

Das Studium der Schrift soll „gleichsam die Seele der heiligen Theologie“ sein (Dei Verbum 24). „Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib selbst“ (Dei Verbum 21). In jeder Heiligen Messe wird die Schrift gelesen, in jedem Stundengebet gebetet, in jeder theologischen Diskussion als Maßstab herangezogen.

Die Schrift ist normativ: Keine Überlieferung und kein Lehramt kann lehren, was der Schrift entgegensteht. Das Lehramt „ist nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm“ (Dei Verbum 10).

Aber die Schrift steht nicht allein. Sie verweist selbst auf die mündliche Überlieferung (2 Thess 2,15), auf die Kirche als „Säule und Fundament der Wahrheit“ (1 Tim 3,15) und auf den Geist, der in der ganzen Wahrheit leitet (Joh 16,13). Schrift und Überlieferung sind, so das Konzil, „demselben göttlichen Quell entspringend“ eng miteinander verbunden (Dei Verbum 9).


Die zweite Säule: Die Heilige Tradition

Das Wort „Tradition“ klingt für viele nach Verstaubtem, nach menschlichen Bräuchen, die sich überlebt haben. Aber die Heilige Tradition der Kirche ist etwas grundlegend anderes.

Jesus selbst kritisierte menschliche Traditionen: „Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen“ (Mk 7,8). Aber er sprach von Satzungen der Pharisäer, nicht von der apostolischen Überlieferung. Paulus verwendet dasselbe griechische Wort paradosis (Überlieferung) positiv: „Ich lobe euch, dass ihr in allem an mich denkt und an den Überlieferungen festhaltet, wie ich sie euch übergeben habe“ (1 Kor 11,2).

Es gibt also zwei Arten von Tradition: menschliche Satzungen, die vergehen können, und die Heilige Tradition, die von den Aposteln kommt und den Glauben der Kirche durch die Jahrhunderte trägt.

Was gehört zur Heiligen Tradition?

Zum Beispiel die Sonntagsfeier: Die Apostel versammelten sich am ersten Tag der Woche zum Brotbrechen (Apg 20,7). Nirgendwo in der Bibel steht ein ausdrückliches Gebot, den Sabbat durch den Sonntag zu ersetzen. Und doch feiern fast alle Christen den Sonntag als Tag des Herrn, aufgrund der Überlieferung (vgl. KKK 2174–2175).

Dann die Lehre von der Dreifaltigkeit. Jesus gab den Auftrag: „Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28,19). Aber das Wort „Dreifaltigkeit“ steht nicht in der Bibel. Die Lehre von der Wesenseinheit der drei göttlichen Personen wurde auf den Konzilien von Nizäa (325) und Konstantinopel (381) formuliert, als Entfaltung dessen, was die Schrift bezeugt.

Auch die Struktur der Kirche mit Bischöfen, Priestern und Diakonen gehört dazu. Die Grundzüge sind in der Schrift angelegt (1 Tim 3; Tit 1,5; Apg 6), die konkrete Ausgestaltung wuchs in der Tradition.

Ebenso die Marienverehrung. Die Schrift selbst kündigt sie an: „Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter“ (Lk 1,48). Aber die Entfaltung der Marienlehre (Gottesmutterschaft, Jungfräulichkeit, Unbefleckte Empfängnis, Aufnahme in den Himmel) geschah in der Tradition, auf der Grundlage der Schrift.

Und schließlich der Kanon der Bibel selbst: Die Bibel enthält keine Liste ihrer eigenen Bücher. Die Kirche hat unter der Führung des Heiligen Geistes erkannt, welche Bücher inspiriert sind. Der Kanon ist ein Werk der Tradition.

Die Tradition erfindet nichts Neues. Sie entfaltet, was in der Schrift angelegt ist. Sie ist wie der Baum, der aus dem Samen wächst: Der Samen enthält bereits alles, aber der Baum zeigt es in voller Größe.


Die dritte Säule: Das Lehramt

Wer entscheidet, wenn Christen über die richtige Auslegung der Schrift uneins sind? Wer klärt, was Tradition ist und was menschliche Satzung? Wer spricht verbindlich im Namen der Kirche?

Jesus hat diese Frage beantwortet, indem er den Aposteln Autorität gab:

„Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein“ (Mt 18,18): die Binde- und Lösegewalt.

„Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab“ (Lk 10,16): die Lehrautorität.

„Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben“ (Mt 16,19): die Schlüsselgewalt des Petrus.

„Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten“ (Joh 16,13): die Verheißung des Beistands.

„Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du wieder umgekehrt bist, dann stärke deine Brüder!“ (Lk 22,32): der besondere Auftrag an Petrus.

Die Apostel übten diese Autorität aus. Beim Apostelkonzil in Jerusalem entschieden sie verbindlich: „Der Heilige Geist und wir haben beschlossen“ (Apg 15,28). Die Pastoralbriefe geben Anweisungen für die Einsetzung von Ältesten und Bischöfen und für die Gemeindeleitung (Tit 1,5; 1 Tim 3). Die Kirche traf von Anfang an verbindliche Entscheidungen, unter Berufung auf den Heiligen Geist.

Das Lehramt ist kein Konkurrent der Schrift. Es steht nicht über der Schrift. Es dient der Schrift, indem es sie verbindlich auslegt und vor Verdrehung schützt. Schon der zweite Petrusbrief warnt, dass „die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind“, die Schriften „zu ihrem eigenen Verderben“ verdrehen (2 Petr 3,16). Das Lehramt soll vor solcher Verdrehung schützen.

Das Zweite Vatikanische Konzil formuliert es so: „Das Lehramt ist nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm, indem es nichts lehrt, als was überliefert ist, weil es das Wort Gottes aus göttlichem Auftrag und mit dem Beistand des Heiligen Geistes voll Ehrfurcht hört, heilig bewahrt und treu auslegt“ (Dei Verbum 10).


Wie die drei zusammenwirken

Die drei Säulen sind nicht drei getrennte Quellen, die unabhängig voneinander stehen. Sie bilden eine Einheit.

Die Schrift bezeugt die Offenbarung Gottes in geschriebener Form.

Die Tradition bezeugt dieselbe Offenbarung in lebendiger, mündlicher Weitergabe. Sie hat die Schrift selbst hervorgebracht und kanonisiert.

Das Lehramt legt Schrift und Tradition verbindlich aus, nicht nach eigenem Gutdünken, sondern unter dem Beistand des Heiligen Geistes, den Jesus versprochen hat.

Keines der drei kann ohne die anderen bestehen:

Schrift ohne Tradition wäre ein Buch ohne Kontext. Wer hat entschieden, welche Bücher zur Bibel gehören? Die Tradition. Wie wurde die Bibel ausgelegt, bevor es den Buchdruck gab? Durch die Verkündigung der Kirche.

Schrift ohne Lehramt führt zu vielen unterschiedlichen Auslegungen. Dieselbe Bibel, gelesen von aufrichtigen Christen, führt zu unterschiedlichen Ergebnissen, etwa bei Taufe, Eucharistie, Ehe und Ethik. Die Kirche sieht im Lehramt den Dienst, der eine verbindliche Auslegung ermöglicht.

Tradition ohne Schrift hätte keinen Maßstab. Die Schrift ist die Norm, an der sich jede Tradition messen muss. Keine Tradition darf der Schrift widersprechen.

Lehramt ohne Schrift und Tradition wäre Willkür. Das Lehramt erfindet keine neuen Lehren, sondern entfaltet, was in Schrift und Tradition enthalten ist.

Das Konzil fasst es zusammen: „Es zeigt sich also, daß die Heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche gemäß dem weisen Ratschluß Gottes so miteinander verknüpft und einander zugesellt sind, daß keines ohne die anderen besteht und daß alle zusammen, jedes auf seine Art, durch das Tun des einen Heiligen Geistes wirksam dem Heil der Seelen dienen“ (Dei Verbum 10).


Zum Weiterlesen

  • Katechismus der Katholischen Kirche: KKK 74–100 (Die Weitergabe der göttlichen Offenbarung)
  • Zweites Vatikanisches Konzil: Dei Verbum, Kapitel II (Die Weitergabe der göttlichen Offenbarung)
  • KKK 85–87 (Das Lehramt der Kirche)