Aus der Allioli-Arndt-Bibel (Vulgata-Übersetzung, 1914).
Ester 11
1Im vierten Jahre, als Ptolemäus und Kleopatra regierten, brachten Dositheus, der sich für einen Priester aus dem Stamme Levi ausgab, und Ptolemäus, sein Sohn, diesen Brief über die Phurim, von dem sie sagten, dass Lysimachus, des Ptolemäus Sohn, zu Jerusalem ihn übersetzt habe. 2Im zweiten Jahre der Regierung Artaxerxes, des Großen, am ersten Tage des Monats Nisan, hatte Mardochäus ein Traumgesicht, der Sohn Jairis, des Sohnes Semeis, des Sohnes Kis, vom Stamme Benjamin, 3ein Jude, der in der Stadt Susan wohnte, ein großer Mann und einer der Ersten am königlichen Hofe. 4Er war aber aus der Zahl der Gefangenen, welche Nabuchodonosor, der König von Babylon, aus Jerusalem mit Jechonias, dem Könige von Juda, weggeführt hatte. 5Und folgendes war sein Traumgesicht: Es ließ sich Geschrei und Lärm hören und Donner und Erdbeben und Verwirrung auf Erden, 6und siehe, da waren zwei große Drachen, bereit, miteinander zu kämpfen. 7Auf ihr Geheul kamen alle Völker in Bewegung, um wider das Volk der Gerechten zu streiten. 8Und jener Tag war ein Tag der Finsternis und der Gefahr, der Drangsal und Angst und es ward ein großer Schrecken auf Erden. 9Da ward das Volk der Gerechten, die ihren Untergang fürchteten, bestürzt und bereitete sich zum Tode vor. 10Und sie riefen zu Gott, und da sie flehten, wuchs ein kleiner Quell zu einem mächtigen Strome heran, aus dem sich sehr viele Wasser ergossen. 11Licht und Sonne erschienen und die Niedrigen wurden erhöht und verschlangen die Angesehenen. 12Als Mardochäus dies so gesehen, stand er vom Lager auf und dachte nach, was Gott tun wolle, und fast beständig lag es ihm im Sinne, denn er wünschte zu wissen, was das Traumgesicht bedeute.
Ester 12
1Zu dieser Zeit hielt er sich am Hofe des Königs auf mit Bagatha und Thara, den Kämmerern des Königs, welche Türhüter des Palastes waren. 2Als er deren Gesinnungen erkannt und ihre Absichten genauer durchschaut hatte, gewahrte er, dass sie Hand an den König Artaxerxes legen wollten, und zeigte dies dem Könige an. 3Dieser ließ eine Untersuchung anstellen und, da sie geständig waren, sie zum Tode führen. 4Der König aber ließ das, was geschehen war, in die Denkbücher eintragen und auch Mardochäus hinterlegte über diese Sache eine Schrift zur Erinnerung. 5Hierauf befahl ihm der König, am Hofe des Palastes zu bleiben, und gab ihm Geschenke für die Anzeige. 6Aman aber, der Sohn Amadathis, der Bugäer, stand in hohen Ehren bei dem Könige und wollte Mardochäus und dessen Volke schaden, wegen der zwei Kämmerer des Königs, welche getötet worden waren. Bis hierher geht die Vorrede. Was nun folgt, stand an der Stelle, wo es im Buche heißt: „Man solle ihnen ihre Güter und Habe rauben.“ Dies haben wir nur in der gewöhnlichen Ausgabe gefunden. Des Briefes Abschrift war aber diese:
Ester 13
1Artaxerxes, der Große, König von Indien bis Äthiopien, entbietet den Fürsten der hundertsiebenundzwanzig Landschaften und den Statthaltern, die seiner Herrschaft unterworfen sind, Gruß! 2Als ich Herrscher wurde über sehr viele Völker und den ganzen Erdkreis meiner Gewalt unterwarf, wollte ich keineswegs die Größe meiner Macht missbrauchen, sondern meine Untertanen mit Milde und Sanftmut regieren, damit sie das Leben ohne alle Furcht in Stille hinbrächten und des allen Sterblichen erwünschten Friedens genießen könnten. 3Da ich aber meine Räte befragte, wie dies erreicht werden könnte, zeigte der, welcher an Weisheit und Treue die übrigen übertraf und der nächste nach dem Könige war, Aman mit Namen, 4mir an, dass ein Volk auf dem ganzen Erdkreise zerstreut sei, das neue Gesetze habe und, gegen die Gewohnheit aller Völker handelnd, die Befehle der Könige verachte und die Eintracht aller Völker durch seine Verschiedenheit störe. 5Als wir dies vernahmen und sahen, dass ein einziges Volk sich dem ganzen Menschengeschlechte widersetze, verkehrte Gesetze habe und unsern Befehlen zuwiderhandle, auch den Frieden und die Eintracht der uns unterworfenen Länder störe, 6haben wir geboten, dass alle, welche Aman bezeichnen wird, der allen Landschaften vorgesetzt und der nächste nach dem Könige ist und den wir an Vaters Statt verehren, mit ihren Weibern und Kindern von ihren Feinden vertilgt werden sollen, ohne dass jemand sich ihrer erbarme, am vierzehnten Tage des zwölften Monats Adar des gegenwärtigen Jahres, 7damit die verruchten Menschen an einem Tage in die Unterwelt hinabfahren und so unserm Reiche den Frieden wiedergeben, welchen sie gestört haben. Bis hierher die Abschrift des Briefes. Was nun folgt, habe ich nach jener Stelle geschrieben gefunden, wo es heißt: „Und Mardochäus ging hin und tat alles, was ihm Esther befohlen hatte.“ Doch ist es im Hebräischen nicht und findet sich bei keinem einzigen Übersetzer. 8Mardochäus aber flehte zu dem Herrn, eingedenk aller seiner Taten, 9und sprach: Herr, Herr, allmächtiger König! denn deiner Macht ist alles unterworfen und niemand ist, der deinem Willen zu widerstehen vermöchte, wenn du beschlossen hast, Israel zu erlösen. 10Du hast Himmel und Erde geschaffen und alles, was in des Himmels Umkreis enthalten ist. 11Du bist der Herr über alles und keiner vermag deiner Majestät zu widerstehen. 12Dir ist alles bekannt und du weißt, dass ich dies nicht aus Stolz und Trotz oder aus irgend einer Ruhmsucht getan habe, dass ich mich vor dem hochmütigen Aman nicht niederwarf, 13(denn gern wäre ich bereit, für Israels Rettung auch seine Fußstapfen zu küssen,) 14sondern ich fürchtete mich, die meinem Gotte gebührende Ehre auf einem Menschen zu übertragen und mich vor Jemanden anderem niederzuwerfen, als vor meinem Gott. 15Und nun, Herr, König, Gott Abrahams! erbarme dich deines Volkes, denn unsere Feinde wollen uns verderben und dein Erbe vernichten. 16Verschmähe dein Erbteil nicht, welches du dir aus Ägypten gerettet hast. 17Erhöre mein Gebet und sei deinem Lose und Anteil gnädig und wandle unsere Traurigkeit in Freude um, dass wir leben und deinen Namen preisen, Herr! und verschließe nicht den Mund derer, die dir lobsingen. 18Auch ganz Israel rief in gleicher Gesinnung und mit gleichem Flehen zu dem Herrn, da ihnen der sichere Tod bevorstand.
Ester 14
1Auch die Königin Esther nahm ihre Zuflucht zu dem Herrn, aus Furcht vor der Gefahr, welche drohte. 2Und nachdem sie ihre königlichen Gewänder abgelegt, zog sie Kleider an, die dem Weinen und Trauern angemessen waren, und streute statt allerlei Salben Asche und Staub auf ihr Haupt und beugte ihren Leib nieder mit Fasten; und an allen Orten, an denen sie sich zuvor zu freuen pflegte, raufte sie sich jetzt die Haare aus. 3Und sie flehte zu dem Herrn, dem Gott Israels, und sprach: Mein Herr! der du allein unser König bist, hilf mir Verlassenen, die außer dir keinen anderen Helfer hat. 4Meine Gefahr ist in meinen Händen. 5Ich habe von meinem Vater gehört, dass du, o Herr! Israel aus allen Völkern und unsere Väter aus allen ihren früheren Vorfahren auserwählt hast, sie als Erbe auf ewig zu besitzen; und du hast ihnen getan, wie du verheißen hast. 6Wir haben gesündigt vor deinem Angesichte und darum hast du uns in die Gewalt unserer Feinde gegeben, 7denn wir haben ihre Götter verehrt. Gerecht bist du, o Herr! 8Jetzt aber ist es ihnen nicht genug, dass sie uns mit der härtesten Dienstbarkeit bedrücken, sondern sie schreiben auch die Stärke ihrer Hände der Macht der Götzen zu 9und wollen deine Verheißungen vereiteln, dein Erbe vertilgen, den Mund derer, die dich loben, schließen und die Herrlichkeit deines Tempels und Altares vernichten, 10um den Mund der Heiden zu öffnen, die Stärke der Götzen zu loben und einen sterblichen König immerdar zu preisen. 11Gib nicht, o Herr! dein Zepter denen hin, die nichts sind, dass sie nicht bei unserem Untergange lachen, sondern wende ihren Anschlag auf sie selbst zurück und verdirb den, der angefangen, wider uns zu wüten. 12Gedenke, o Herr! und zeige dich uns in der Zeit unserer Drangsal und gib mir Vertrauen, Herr, König der Götter und aller Macht, 13lege das rechte Wort in meinen Mund vor dem Angesichte des Löwen und lenke sein Herz zum Hass gegen unsern Feind, dass er zugrunde gehe mit allen übrigen, die ihm beistimmen. 14Uns aber befreie durch deine Hand und hilf mir, die ich keine andere Hilfe habe als dich, Herr! der du Kenntnis von allem hast 15und weißt, dass ich die Herrlichkeit der Gottlosen hasse und das Lager der Unbeschnittenen und jedes Fremden verabscheue. 16Du weißt, dass ich gezwungen bin, dass ich das Zeichen meiner Hoheit und Herrlichkeit, das in den Tagen, da ich mich zeige, auf meinem Haupte ist, verabscheue und dass es mir ein Greuel ist, wie das Tuch einer Blutgängigen und dass ich es in den Tagen meiner Zurückgezogenheit nicht trage, 17und dass ich nicht am Tische Amans gegessen, noch Gefallen gehabt am Mahle des Königs und den Wein der Trankopfer nicht getrunken habe, 18und dass deine Magd sich niemals gefreut, seitdem sie hierher gebracht worden ist, bis auf den heutigen Tag, außer in dir, Herr, Gott Abrahams! 19Gott, der du stark bist über alle, erhöre die Stimme derer, welche keine andere Hoffnung haben, und rette uns aus der Hand der Ungerechten und befreie mich von meiner Furcht.
Ester 15
1[Auch das Folgende habe ich in der gewöhnlichen Ausgabe beigefügt gefunden.] Und er befahl ihr (ohne Zweifel Mardochäus), zum Könige zu gehen und für ihr Volk und für ihr Vaterland zu bitten. 2Gedenke (sprach er) der Tage deiner Niedrigkeit, wie du durch meine Hand ernährt wurdest, denn Aman, der nächste nach dem Könige, hat wider uns zum Tode geredet; 3auch du rufe den Herrn an und rede bei dem Könige für uns und errette uns von dem Tode! Ebenso auch dies, was nun folgt. 4Am dritten Tage aber legte sie ihre Trauerkleider ab und bekleidete sich mit ihrer Pracht. 5Und da sie im Glanze der königlichen Gewänder strahlte und Gott, den Lenker und Retter aller, angerufen hatte, nahm sie zwei Dienerinnen zu sich 6und lehnte sich auf die eine, als könnte sie vor Weichlichkeit und übergroßer Zartheit ihren Körper nicht mehr tragen, 7die andere Dienerin aber folgte der Gebieterin, die auf den Boden herabsinkenden Gewänder haltend. 8Ihr Antlitz war von rosiger Farbe übergossen und ihre Augen glänzten, und so verbarg sie es, dass ihr Herz traurig und von übergroßer Furcht beklommen war. 9So ging sie durch alle Türen nach der Reihe und stellte sich dem Könige gegenüber, da, wo er auf dem Throne seines Reiches saß, angetan mit den königlichen Gewändern, von Gold und kostbaren Steinen strahlend und schrecklich anzusehen. 10Doch als er sein Angesicht aufhob und den Grimm seines Herzens durch die funkelnden Augen zu erkennen gab, sank die Königin nieder, ihre Farbe verwandelte sich in Blässe und sie ließ kraftlos das Haupt auf ihre Dienerin sinken. 11da wandte Gott das Herz des Königs zur Sanftmut und eilends sprang er besorgt vom Throne und stützte sie mit seinen Armen, bis sie wieder zu sich kam, und liebkoste sie mit diesen Worten: 12Was hast du, Esther? Ich bin dein Bruder, fürchte dich nicht! 13Du sollst nicht sterben; denn dies Gesetz ist für alle andern gegeben, aber nicht für dich. 14Tritt also herzu und berühre das Zepter! 15Und da sie schwieg, nahm er den goldenen Stab, legte ihn an ihren Hals, küsste sie und sprach: Warum sagst du nichts zu mir? 16Sie antwortete: Ich sah dich, Herr! wie einen Engel Gottes und mein Herz ward verwirrt aus Furcht vor deiner Herrlichkeit, 17denn du bist sehr wunderbar, Herr! und dein Angesicht ist voller Gnade. 18Während sie so redete, sank sie wieder nieder und fiel fast in Ohnmacht. 19Der König aber erschrak und alle seine Diener trösteten sie.
Ester 16
1[Abschrift des Briefes, welchen der König Artaxerxes für die Juden in allen Landschaften seines Reiches sandte. Auch dies findet sich nicht im hebräischen Texte.] Artaxerxes, der große König von Indien bis Äthiopien, entbietet den hundertsiebenundzwanzig Statthaltern und den Fürsten, die unsern Befehlen gehorchen, Gruß! 2Viele haben die Güte der Fürsten und die Ehre, die ihnen verliehen worden, zur Überhebung missbraucht 3und suchen nicht nur, die Untertanen der Könige zu unterdrücken, sondern können nicht einmal die ihnen verliehene Ehre ertragen und bereiten denen Nachstellungen, welche ihnen dieselbe verliehen haben. 4Nicht zufrieden damit, für die Wohltaten nicht zu danken und an sich schon die Rechte der Menschlichkeit zu verletzen, meinen sie auch, sie könnten dem Urteile des allsehenden Gottes entgehen. 5Und in solchen Wahnsinn gerieten sie, dass sie jene, welche die ihnen anvertrauten Ämter eifrig versehen und alles so verrichten, dass sie jedermanns Lob würdig sind, durch die Fallgruben der Lügen zu stürzen suchen, 6indem sie die arglosen Ohren der Fürsten, welche andere nach sich selbst beurteilen, mit listigem Betruge täuschen. 7Solches lässt sich ebenso aus den alten Geschichten beweisen, wie aus dem, was sich täglich begibt, wie das Streben der Könige durch die bösen Einflüsterungen einiger verkehrt wird. 8Darum muss für den Frieden aller Landschaften Vorsehung getroffen werden. 9Ihr dürft auch nicht meinen, dass dies aus einer Leichtfertigkeit unseres Gemütes herrührt, wenn wir Verschiedenes befehlen, sondern dass wir nach der Beschaffenheit und dem Bedürfnisse der Zeiten Beschlüsse fassen, wie es das Wohl des Gemeinwesens erheischt. 10Und damit ihr deutlicher versteht, was wir sagen: Aman, der Sohn Amadathis, von Gesinnung und Geschlecht ein Macedonier und dem Blute der Perser fremd, der unsere Güte durch seine Grausamkeit befleckt hat, war von uns als Fremdling aufgenommen 11und hatte solche Herablassung von uns an sich erfahren, dass wir ihn unseren Vater nannten und er von uns allen als der nächste nach dem Könige verehrt wurde, 12dieser wurde so anmaßend und aufgeblasen, dass er uns Reich und Leben zu rauben suchte. 13Denn er verlangte, durch neue und unerhörte Ränke den Mardochäus, durch dessen Treue und Wohltat wir leben, und Esther, die Mitgenossin unserer Herrscherwürde, samt ihrem ganzen Volke dem Tode zu weihen. 14Er hatte im Sinne, nach ihrer Ermordung, wenn wir ohne Stütze wären, unserer Person nachzustellen und das Reich der Perser auf die Macedonier zu übertragen. 15Wir fanden aber, dass die von dem Nichtswürdigsten der Sterblichen zum Tode bestimmten Juden ganz und gar unschuldig waren, ja im Gegenteil gerechte Gesetze haben 16und Söhne des höchsten und größten Gottes sind, der immerdar lebt, durch dessen Gnade uns und unsern Vätern die Herrschaft übergeben ist und bis auf diesen Tag erhalten wird. 17Darum wisset, dass die Schreiben, welche er unter unserm Namen ausgesandt hatte, ungültig sind. 18Für diese verruchte Tat ist sowohl er, der Anstifter, wie sein ganzes Geschlecht vor den Toren dieser Stadt, das ist Susan, aufgehängt, indem nicht wir, sondern Gott ihm vergalt, was er verdiente. 19Dieser Erlass aber, den wir jetzt senden, ist in allen Städten bekannt zu machen, dass es den Juden freistehen soll, nach ihren Gesetzen zu leben. 20Und ihr sollt denselben behilflich sein, damit sie diejenigen, welche sich zu ihrer Ermordung gerüstet hatten, am dreizehnten Tage des zwölften Monats, welcher Adar heißt, töten können, 21denn diesen Tag der Trauer und Betrübnis hat Gott, der Allmächtige, für sie in Freude verwandelt. 22Darum nehmet auch ihr diesen Tag unter die Zahl der Festtage auf und feiert ihn mit aller Freude, damit man auch in Zukunft erkenne, 23dass alle, welche den Persern treu gehorsam sind, den verdienten Lohn für ihre Treue erhalten, jene aber, die ihrer Herrschaft Nachstellungen bereiten, um ihres Frevels willen zu Grunde gehen. 24Jedes Land aber und jede Stadt, die an dieser Feier nicht teilnehmen wollte, soll mit Feuer und Schwert vernichtet und so verwüstet werden, dass sie nicht nur für Menschen, sondern auch für Tiere auf ewig zur Öde wird, als warnendes Beispiel für Verachtung und Ungehorsam.