Aus der Allioli-Arndt-Bibel (Vulgata-Übersetzung, 1914).
Tobit 9
1Hierauf rief Tobias den Engel zu sich, den er für einen Menschen hielt, und sprach zu ihm: Bruder Azarias! ich bitte, höre meine Worte: 2Wenn ich mich auch dir zum Knechte hingäbe, so würde ich doch deine Fürsorge nicht nach Gebühr lohnen. 3Dennoch bitte ich dich, nimm dir Tiere oder Knechte und reise zu Gabel nach Rages, der Stadt der Meder; gib ihm seine Beschreibung zurück, nimm das Geld von ihm in Empfang und bitte ihn, zu meiner Hochzeit zu kommen. 4Denn du weißt selbst, dass mein Vater die Tage zählt, und wenn ich um einen Tag länger zögere, so wird sich seine Seele härmen. 5Du siehst ja auch, wie Raguel mich beschworen hat, dessen Beschwörung ich nicht missachten kann. 6Da nahm Raphael vier von den Knechten Raguels und zwei Kamele und zog nach Rages, der Stadt der Meder, hin; und als er Gabel gefunden, gab er diesem seine Beschreibung zurück und nahm von ihm das Geld in Empfang. 7Auch erzählte er ihm über Tobias, den Sohn des Tobias, alles, was geschehen war, und bewog ihn, mit ihm zur Hochzeit zu kommen. 8Als jener nun in das Haus Raguels trat, fand er Tobias bei der Mahlzeit, da sprang dieser auf und sie küssten einander. Gabel aber weinte, pries Gott 9und sprach: Der Gott Israels segne dich, denn du bist der Sohn eines vortrefflichen Mannes, der gerecht und gottesfürchtig ist und Almosen gibt. 10Gesegnet möge auch dein Weib sein und eure Eltern, 11ihr möget eure Kinder sehen bis ins dritte und vierte Geschlecht, und eure Nachkommenschaft möge vom Gott Israels gesegnet sein, der von Ewigkeit zu Ewigkeit herrscht! 12Alle sagten Amen und gingen zum Mahle. Aber auch das Hochzeitsmahl hielten sie in der Furcht des Herrn.
Tobit 10
1Als aber Tobias der Hochzeit wegen säumte, ward sein Vater Tobias besorgt und sprach: Warum säumt mein Sohn wohl, oder warum hält man ihn dort zurück? 2Ist Gabel vielleicht gestorben, dass ihm niemand das Geld zurückgibt? 3Und er fing an, sich sehr zu betrüben, und Anna, sein Weib, mit ihm, und beide fingen an, miteinander zu weinen, weil ihr Sohn an dem bestimmten Tag nicht wieder zu ihnen zurückkehrte. 4Seine Mutter also weinte mit unstillbaren Tränen und sprach: Ach, ach, mein Sohn! Warum haben wir dich in die Fremde geschickt, du Licht unserer Augen, du Stütze unseres Alters, du Trost unseres Lebens, du Hoffnung unserer Nachkommenschaft? 5In dir allein hatten wir alles zugleich, dich hätten wir nicht von uns fortschicken sollen. 6Da sprach Tobias zu ihr: Sei still und betrübe dich nicht, unser Sohn ist wohlbehalten; jener Mann, mit dem wir ihn geschickt haben, ist ganz zuverlässig. 7Sie aber wollte sich auf keine Weise trösten lassen, sondern eilte täglich hinaus, sah sich nach allen Seiten um und ging auf allen Wegen herum, auf denen Hoffnung zu sein schien, dass er dorther kommen könnte, damit sie ihn, wo möglich, von weitem kommen sähe. 8Raguel aber sprach zu seinem Schwiegersohne: Bleibe hier, ich will einen Boten zu Tobias, deinem Vater, senden, dass es dir wohl geht. 9Tobias aber sprach zu ihm: Ich weiß, dass mein Vater und meine Mutter schon die Tage zählen und ihr Herz sich ängstigt. 10Als nun Raguel den Tobias mit vielen Worten gebeten, dieser aber ihn auf keine Weise hören wollte, übergab er ihm Sara und die Hälfte seiner ganzen Habe an Knechten, an Mägden, an Schafen, an Kamelen, an Kühen und an vielem Gelde, und entließ ihn gesund und froh von sich, 11indem er sprach: Der heilige Engel des Herrn sei mit euch auf der Reise und geleite euch wohlbehalten, möget ihr alles wohl finden bei euern Eltern und mögen meine Augen eure Kinder sehen, bevor ich sterbe! 12Dann umarmten die Eltern ihre Tochter und küssten sie und ließen sie ziehen, 13indem sie sie ermahnten, ihre Schwiegereltern zu ehren, ihren Mann zu lieben, ihr Gesinde zu leiten, das Haus zu verwalten und sich selbst untadelhaft zu führen.
Tobit 11
1Als sie nun auf der Heimreise waren, kamen sie am elften Tage nach Charan, das auf dem halben Wege nach Ninive liegt. 2Und der Engel sprach: Bruder Tobias! du weißt, wie du deinen Vater verlassen hast. 3Wenn es dir also gefällt, so lass uns vorausgehen und das Gesinde möge zugleich mit deinem Weibe und mit dem Viehe langsamen Schrittes auf unserm Wege nachkommen. 4Da es ihm wohlgefiel, das sie gehen sollten, sprach Raphael zu Tobias: Nimm etwas von der Galle des Fisches mit dir, denn sie wird notwendig sein. Also nahm Tobias etwas von dieser Galle und sie gingen von dannen. 5Anna aber saß täglich am Wege auf der Spitze eines Berges, von wo sie in die Ferne schauen konnte. 6Und da sie von diesem Orte nach seiner Ankunft ausschaute, sah sie ihn von fern und erkannte alsbald ihren daherkommenden Sohn; und sie lief und verkündigte es ihrem Manne und sprach: Siehe, dein Sohn kommt! 7Raphael aber sprach zu Tobias: Sobald du in dein Haus eintrittst, so bete sogleich den Herrn, deinen Gott, an, und ihm dankend, tritt hin zu deinem Vater, und küsse ihn 8und streiche alsbald etwas von der Galle des Fisches, die du bei dir trägst, über seine Augen; denn wisse, dass seine Augen sich alsbald auftun werden und dein Vater das Licht des Himmels sehen und sich deines Anblickes freuen wird. 9Da lief der Hund, der mit auf der Reise gewesen war, voran und, als wäre er ein angekommener Bote, legte er, mit seinem Schweife wedelnd, seine Freude an den Tag. 10Sein blinder Vater stand auf, fing an, strauchelnd zu laufen, dann eilte er, einem Knaben die Hand gebend, seinem Sohne entgegen, 11umarmte und küsste ihn mit seinem Weibe und beide fingen an vor Freude zu weinen. 12Und als sie Gott angebetet und ihm gedankt hatten, setzten sie sich. 13Da nahm Tobias etwas von der Galle des Fisches und bestrich die Augen seines Vaters, 14Und er wartete ungefähr eine halbe Stunde, da begann der weiße Fleck sich aus dessen Augen abzulösen, wie das Häutchen eines Eies. 15Tobias fasste dies und zog es aus seinen Augen weg und sogleich erhielt er das Gesicht zurück. 16Da priesen sie Gott, er nämlich und sein Weib und alle, die ihn kannten. 17Und Tobias sprach: Ich preise dich, Herr, Gott Israels! Weil du mich gezüchtigt und wieder geheilt hast, und siehe, ich sehe meinen Sohn Tobias! 18Nach sieben Tagen kam auch Sara, das Weib seines Sohnes, und das ganze Gesinde wohlbehalten an und das Vieh und die Kamele und das viele Geld des Weibes, dazu auch das Geld, das er von Gabel erhalten hatte. 19Und er erzählte seinen Eltern alle Wohltaten Gottes, die er an ihm durch den Mann getan, der ihn geführt hatte. 20Auch Achior und Nabath, die Bruderssöhne des Tobias, kamen voller Freuden zu Tobias und wünschten ihm Glück um all des Guten willen, dass Gott ihm erwiesen hatte. 21Und sie hielten an sieben Tagen Mahlzeit und alle freuten sich überaus.
Tobit 12
1Darnach rief Tobias seinen Sohn zu sich und sprach mit ihm: Was können wir diesem heiligen Manne geben, der mit dir gekommen ist? 2Tobias antwortete und sprach zu seinem Vater: Vater! welchen Lohn sollen wir ihm geben oder könnten seine Wohltaten nach Verdienst vergolten werden? 3Er hat mich gesund hin- und zurückgeführt, er hat von Gabel das Geld erhoben, er hat mir ein Weib verschafft, er hat den bösen Geist von ihr vertrieben und ihren Eltern Freude bereitet, er hat mich vor dem Verschlingen des Fisches bewahrt, auch hat er gemacht, dass du das Licht des Himmels siehst, und mit allem Guten sind wir durch ihn überhäuft worden. Was werden wir ihm nach Gebühr dafür geben können? 4Aber ich bitte dich, mein Vater! Ersuche ihn, vielleicht dass es ihm beliebt, die Hälfte von allem, was hergebracht worden, für sich anzunehmen. 5Und sie riefen ihn, der Vater nämlich und der Sohn, nahmen ihn beiseite und fingen an, ihn zu bitten, er wolle die Hälfte von allem, was sie gebracht hatten, annehmen. 6Da sprach er insgeheim zu ihnen: Preiset den Gott des Himmels und lobet ihn vor allem, was Leben hat, weil er seine Barmherzigkeit an euch geübt hat! 7Denn gut ist es, das Geheimnis eines Königs zu verbergen, aber ehrenvoll, die Werke Gottes zu offenbaren und zu loben. 8Besser ist Gebet mit Fasten und Almosen, als Schätze Goldes aufzuhäufen; 9denn Almosen geben errettet vom Tode und tilgt die Sünden und lässt Erbarmung und ewiges Leben finden. 10Die aber Sünde und Unrecht tun, sind Feinde ihrer Seele. 11Ich offenbare euch also die Wahrheit und will das Geheimnis vor euch nicht verbergen. 12Als du mit Tränen betetest und die Toten begrubst und dein Mahl stehen ließest und die Toten bei Tage in deinem Hause verbargst und sie bei Nacht begrubst, habe ich dein Gebet dem Herrn dargebracht. 13Und weil du wohlgefällig warst vor Gott, musste die Prüfung dich bewähren. 14Nun also hat mich der Herr gesandt, dich zu heilen und Sara, das Weib deines Sohnes, von dem bösen Geiste zu befreien; 15denn ich bin der Engel Raphael, einer von den sieben, die vor dem Herrn stehen. 16Als sie dies hörten, erschraken sie und fielen zitternd zur Erde auf ihr Angesicht. 17Doch der Engel sprach zu ihnen: Friede sei mit euch, fürchtet euch nicht! 18Denn als ich bei euch war, war ich es nach dem Willen Gottes; preiset ihn und singet ihm Lob! 19Es schien zwar, als ob ich mit euch äße und tränke, aber ich genieße eine unsichtbare Speise und einen Trank, welcher von den Menschen nicht gesehen werden kann. 20Es ist nun Zeit, dass ich zu dem wieder zurückkehre, der mich gesandt hat; ihr aber preiset Gott und verkündet alle seine Wunderwerke! 21Nachdem er dies gesagt hatte, ward er ihren Blicken entrückt und sie konnten ihn hinfort nicht mehr sehen. 22Da fielen sie nieder und lagen drei Stunden auf ihrem Angesichte, Gott preisend, und aufstehend verkündeten sie alle seine Wunderwerke.