Aus der Allioli-Arndt-Bibel (Vulgata-Übersetzung, 1914).
Tobit 5
1Da antwortete Tobias seinem Vater und sprach: Alles, was du mir befohlen hast, will ich tun, Vater! 2Wie ich aber dieses Geld zurückerhalten soll, weiß ich nicht. Er kennt mich nicht und ich kenne ihn nicht, welches Zeichen soll ich ihm geben? Aber selbst den Weg, auf welchem man dorthin gehen muss, kenne ich nicht einmal. 3Da antwortete ihm sein Vater und sprach: Ich habe ja noch seine Handschrift bei mir; wenn du ihm diese zeigst, wird er es alsbald zurückgeben. 4Aber gehe jetzt hin und suche dir einen zuverlässigen Mann, der für eine Belohnung mit dir reist, damit du es wiederbekommest, während ich noch lebe. 5Als nun Tobias hinausging, fand der einen schönen Jüngling, geschürzt und reisefertig dastehend. 6Er wusste nicht, dass es ein Engel Gottes war, und grüßte ihn und sprach: Woher bist du, guter Jüngling? 7Jener aber antwortete: Aus den Söhnen Israels. Und Tobias sprach zu ihm: Kennst du den Weg, der in das Land der Meder führt? 8Er antwortete ihm: Ich kenne ihn und bin alle Wege desselben oft gegangen und bin bei unserem Bruder Gabel geblieben, der sich in Rages, einer Stadt der Meder, aufhält, die auf dem Gebirge von Ekbatana liegt. 9Da sprach Tobias zu ihm: Ich bitte dich, warte ein wenig auf mich, dass ich dies meinem Vater mitteile. 10Dann ging Tobias hinein und sagte dies alles seinem Vater. Der Vater verwunderte sich darüber und bat, jener möchte zu ihm hereinkommen. 11Er kam also hinein, grüßte ihn und sprach: Freude sei mit dir immerdar! 12Tobias sprach: Welche Freude soll mit mir sein, der ich in Finsternis sitze und das Licht des Himmels nicht sehe? 13Der Jüngling entgegnete ihm: Sei guten Muts, gar bald wirst du von Gott geheilt werden. 14Da sprach Tobias zu ihm: Wirst du meinen Sohn zu Gabel nach Rages, der Stadt der Meder, führen können? Wenn du wiederkommst, werde ich dir deinen Lohn geben. 15Der Engel sprach zu ihm: Ich will ihn dorthin führen und wieder zu dir zurückführen. 16Da antwortete ihm Tobias: Ich bitte dich, sage mir, aus welcher Familie oder aus welchem Stamme bist du? 17Der Engel Raphael sprach zu ihm: Fragst du nach dem Geschlechte des Lohndieners oder nach dem Lohndiener selbst, der mit deinem Sohne gehen soll? 18Aber damit ich dich nicht etwa besorgt mache: Ich bin Azarias, der Sohn des großen Ananias. 19Tobias antwortete: Du bist aus einem hohen Geschlechte, aber ich bitte dich, zürne nicht, dass ich dein Geschlecht habe wissen wollen. 20Der Engel aber sprach zu ihm: Ich will deinen Sohn wohlbehalten zu dir zurückführen. 21Tobias antwortete und sprach: Reiset glücklich, Gott sei auf eurem Wege und sein Engel begleite euch! 22Darauf machten sie alles bereit, was auf den Weg mitgenommen werden sollte, und Tobias nahm Abschied von seinem Vater und seiner Mutter und beide gingen miteinander fort. 23Als sie nun fortgezogen waren, fing seine Mutter an zu weinen und zu sagen: Du hast die Stütze unseres Alters weggenommen und von uns fortgesandt! 24Wäre doch das Geld nie gewesen, um dessentwillen du ihn fortgesandt hast! 25Denn wir waren zufrieden bei unserer Armut, so dass wir es für Reichtum hielten, unsern Sohn zu sehen. 26Tobias sprach zu ihr: Weine nicht! Unser Sohn wird wohlbehalten dorthin gelangen und wohlbehalten zu uns zurückkehren und deine Augen werden ihn sehen. 27Denn ich glaube, dass ein guter Engel Gottes ihn begleitet und alles gut lenkt, was um ihn geschieht, so dass er mit Freuden zu uns zurückkehren wird. 28Auf dieses Wort hin hörte seine Mutter auf zu meinen und schwieg.
Tobit 6
1Tobias aber reiste fort und sein Hund folgte ihm nach. Die erste Nacht blieb er am Flusse Tigris. 2Als er nun ausging, seine Füße zu waschen, siehe, da kam ein ungeheurer Fisch hervor, um ihn zu verschlingen. 3Da erschrak Tobias vor ihm und rief mit lauter Stimme und sprach: Herr! er fällt mich an. 4Der Engel sprach zu ihm: Ergreife ihn bei den Kiemen und ziehe ihn an dich! Er tat dies und zog ihn auf das Trockene und der Fisch begann vor seinen Füßen zu zappeln. 5Da sprach der Engel zu ihm. Weide diesen Fisch aus und lege sein Herz, seine Galle und seine Leber für dich zurück; denn diese sind notwendig zu nützlichen Heilmitteln. 6Als er dies getan hatte, briet er das Fleisch desselben und sie nahmen es mit sich auf den Weg; das übrige salzten sie ein, damit es ihnen hinreichte, bis sie nach Rages, der Stadt der Meder, kämen. 7Hierauf fragte Tobias den Engel und sprach zu ihm: Ich bitte dich, Bruder Azarias! Mir zu sagen, welche Heilkraft das besitzen soll, was du von dem Fische aufzubewahren befohlen hast? 8Der Engel antwortete und sprach zu ihm: Wenn du ein Stücklein von seinem Herzen auf Kohlen legst, so vertreibt der Rauch davon alle Art von bösen Geistern, sowohl von Mann, wie von Weib, so dass sie diesen ferner nicht mehr nahen. 9Und die Galle ist gut, die Augen damit zu salben, auf denen weiße Flecken sind; alsdann werde sie geheilt. 10Tobias sprach zu ihm: Wo willst du, dass wir bleiben? 11Der Engel antwortete und sprach: Es ist hier ein Mann, mit Namen Raguel, ein Verwandter aus deinem Stamme; dieser hat nur eine Tochter, namens Sara, und sonst keinen Sohn, noch eine andere Tochter außer ihr. 12Dir kommt ihr ganzes Vermögen zu und du musst sie zur Frau nehmen. 13Halte also bei ihrem Vater um sie an, und er wird sie dir zur Frau geben. 14Hierauf antwortete Tobias und sprach: Ich höre, dass sie sieben Männern gegeben worden ist und dass diese gestorben sind; aber ich habe auch gehört, dass ein böser Geist sie getötet hat. 15Ich fürchte also, dass es mir auch so ergehen möchte und ich, da ich das einzige Kind meiner Eltern bin, ihr Alter vor Gram unter die Erde bringe. 16Da sprach der Engel Raphael zu ihm: Höre mich, und ich will dir zeigen, welche die sind, die der böse Geist überwältigen kann. 17Die nämlich, welche so in den Ehestand treten, dass sie Gott von sich und von ihren Gedanken ausschließen und ihrer Lust so ergeben sind wie Pferd und Maulesel, die keinen Verstand haben, über diese hat der böse Geist Gewalt. 18Wenn du sie aber erhalten hast und in das Schlafgemach gegangen bist, so enthalte dich drei Tage lang von ihr und liege mit ihr einzig dem Gebete ob. 19In derselben Nacht aber zünde die Leber des Fisches an, und der böse Geist wird vertrieben werden. 20In der zweiten Nacht aber wirst du in die Gemeinschaft der heiligen Patriarchen zugelassen werden. 21Und in der dritten Nacht wirst du den Segen erlangen, dass von euch Kinder ohne Gebrechen erzeugt werden. 22Nach Verlauf der dritten Nacht aber nimm die Jungfrau in der Furcht des Herrn zu dir, mehr durch das Verlangen nach Kindern als von Wollust bewogen, damit du in Abrahams Samen Segen an Kindern erhaltest.
Tobit 7
1Sie trafen also bei Raguel ein und Raguel nahm sie mit Freuden auf. 2Als nun Raguel den Tobias sah, sprach er zu Anna, seinem Weibe: Wie ähnlich ist dieser Jüngling dem Sohne meiner Schwester! 3Als er dies gesagt hatte, sprach er: Woher seid ihr, Jünglinge, unsere Brüder? Sie antworteten: Wir sind aus dem Stamme Nephthali, von den Gefangenen in Ninive. 4Raguel sprach zu ihnen: Kennt ihr Tobias, meinen Bruder? Sie antworteten: Wir kennen ihn! 5Und als er viel Gutes von ihm redete, sprach der Engel zu Raguel: Tobias, nach welchem du fragst, ist der Vater von diesem hier. 6Da fiel Raguel ihm um den Hals und küsste ihn unter Tränen und an seinem Halse weinend, 7sprach er: Segen komme über dich, mein Sohn! Denn du bist der Sohn eines guten und vortrefflichen Mannes. 8Auch Anna, sein Weib, und Sara, ihre Tochter, weinten. 9Nachdem sie aber geredet hatten, befahl Raguel, einen Widder zu schlachten und ein Mahl zu bereiten. Als er sie nun aufforderte, sich zum Mahle niederzusetzen, 10sprach Tobias: Ich werde hier heute weder essen noch trinken, wenn du mir nicht zuvor meine Bitte gewährst und versprichst, mir Sara, deine Tochter, zu geben. 11Als Raguel dies Wort hörte, erschrak er, da er wusste, was jenen sieben Männern begegnet war, welche zu ihr gegangen waren; und er fing an zu fürchten, es möchte ihm ebenso ergehen. Da er nun zögerte und ihm auf die Bitte keine Antwort gab, 12sprach der Engel zu ihm: Fürchte dich nicht, sie ihm zu geben, denn diesem Gottesfürchtigen gebührt deine Tochter zum Weibe; darum hat sie kein anderer erhalten können. 13Da sprach Raguel: Ich zweifle nicht, dass Gott mein Gebet und meine Tränen vor sein Angesicht hat kommen lassen, 14und ich glaube, dass er euch deswegen zu mir hat kommen lassen, damit sie nach dem Gesetze Moses in ihre Verwandtschaft heirate, und hege nun keinen Zweifel mehr, dass ich sie dir geben werde. 15Und er fasste die Rechte seiner Tochter, legte sie in die Rechte des Tobias und sprach: Der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs sei mit euch und verbinde euch und erfülle seinen Segen an euch! 16Dann nahmen sie Papier und schrieben den Ehevertrag. 17Hierauf hielten sie das Mahl und priesen Gott. 18Und Raguel rief Anna, sein Weib, zu sich und befahl ihr, ein anderes Gemach zuzurichten. 19Und sie führte Sara, ihre Tochter, hinein, diese aber weinte. 20Da sprach sie zu ihr: Sei guten Mutes, meine Tochter! der Herr des Himmels gebe dir Freude für den Kummer, den du gelitten hast.
Tobit 8
1Nachdem sie nun gespeist hatten, führten sie den Jüngling zu ihr hinein. 2Da gedachte Tobias der Rede des Engels und nahm aus seiner Reisetasche ein Stück Leber und legte es auf glühende Kohlen. 3Alsdann ergriff der Engel Raphael den bösen Geist und verbannte ihn in die Wüste von Oberägypten. 4Hierauf ermahnte Tobias die Jungfrau und sprach zu ihr: Sara! Stehe auf und lass uns zu Gott beten heute und morgen und übermorgen, denn diese drei Nächte vereinigen wir uns mit Gott; wenn die dritte Nacht um ist, wollen wir unsere eheliche Verbindung vollziehen. 5Denn wir sind Kinder der Heiligen und können uns nicht so verbinden wie die Heiden, welche Gott nicht kennen. 6Sie standen also zusammen auf und beteten beide miteinander inständig, dass ihnen Wohlergehen verliehen werden möchte. 7Und Tobias sprach: Herr, Gott unserer Väter! dich sollen Himmel und Erde preisen und das Meer und die Quellen und die Flüsse und alle deine Geschöpfe, die darin sind. 8Du hast Adam aus dem Lehm der Erde gebildet und hast ihm Eva als Hilfe gegeben. 9Und nun, Herr! du weißt, dass ich nicht der Wollust wegen meine Schwester zum Weibe nehme, sondern allein aus Liebe zur Nachkommenschaft, durch welche dein Name von Ewigkeit zu Ewigkeit gepriesen werden soll. 10Auch Sara sprach: Erbarme dich unser, Herr! erbarme dich unser und lass uns beide zusammen wohlbehalten alt werden. 11Und um die Zeit des Hahnenrufes rief Raguel seine Knechte herbei, und sie gingen zusammen mit ihm hin, um ein Grab zu graben. 12Denn er sagte: Vielleicht ist es ihm ebenso ergangen, wie den andern sieben Männern, welche zu ihr eingegangen sind. 13Als sie die Grube gemacht hatten, kehrte Raguel zu seinem Weibe zurück und sprach zu ihr: 14Schicke eine von deinen Mägden hin und lass sie zusehen, ob er gestorben ist, damit ich ihn begrabe, bevor der Tag anbricht. 15Da sandte sie eine von ihren Mägden hin. Als diese in die Kammer trat, fand sie dieselben gesund und wohl beieinander schlafend. 16Und sie kehrte zurück und meldete die gute Botschaft, da priesen sie den Herrn, Raguel nämlich und Anna, sein Weib, 17und sprachen: Wir preisen dich, Herr, Gott Israels! dass nicht geschehen ist, wie wir meinten; 18denn du hast an uns deine Barmherzigkeit geübt und den Feind, der uns verfolgte, von uns fern gehalten 19und hast dich der beiden Eingebornen erbarmt. Gib ihnen, Herr! dass sie dich noch vollkommener preisen und dir das Opfer deines Lobes für ihre Erhaltung darbringen, damit alle Völker erkennen, das du allein Gott bist auf der ganzen Erde. 20Und alsbald befahl Raguel seinen Knechten, die Grube, die sie gemacht hatten, wieder zuzuwerfen, ehe es Tag wurde. 21Seinem Weibe aber sagte er, sie sollte ein Gastmahl zurichten und alles vorbereiten, was auf der Reise zum Unterhalte nötig sei. 22Auch ließ er zwei fette Kühe und vier Widder schlachten und für alle seine Nachbaren und alle seine Freunde ein Mahl bereiten. 23Und Raguel beschwor den Tobias, zwei Wochen bei ihm zu verbleiben. 24Von allem dem, was er besaß, gab Raguel dem Tobias die Hälfte und schrieb eine Urkunde, dass die andere Hälfte, die nach ihrem Tode noch übrig sein würde, dem Tobias als Eigentum zufallen sollte.