Bibel in einem Jahr · Tag 308 von 365

Klgl 1–3

Aus der Allioli-Arndt-Bibel (Vulgata-Übersetzung, 1914).

Altes Testament

Die Klagelieder des Jeremia 1

1[Vorrede: Und es geschah, nachdem Israel In Gefangenschaft gebracht worden war und Jerusalem verödet lag, setzte sich Jeremias, der Prophet, nieder und weinte und trauerte in dieser Klage um Jerusalem und sprach, bitteren Herzens, aufseufzend und weherufend:] [Aleph.] Wie sitzt so einsam die Stadt, einst an Volk so reich; wie eine Witwe ist die Gebieterin der Völker geworden, die Fürstin unter den Ländern ist dienstbar geworden! 2[Beth.] Sie weint des Nachts ohne Aufhören und ihre Tränen fließen über ihre Wangen; keiner von allen ihren Lieben tröstet sie, alle ihre Freunde haben sie verschmäht und sind ihr zu Feinden geworden. 3[Ghimel.] Fortgezogen ist Juda vor dem Drucke und der harten Dienstbarkeit; er weilt unter den Völkern und findet keine Ruhestatt; alle ihre Verfolger ergriffen sie mitten in ihren Ängsten. 4[Daleth.] Die Wege nach Sion trauern, weil niemand zu dem Feste wallt; alle ihre Tore sind zerstört; ihre Priester seufzen, ihre Jungfrauen härmen sich ab und sie selbst ist von Gram überwältigt. 5[He.] Ihre Feinde sind ihre Beherrscher und ihre Widersacher sind reich geworden, denn der Herr hat wider sie gesprochen ob der Menge ihrer Verschuldungen; ihre Kindlein wurden in die Gefangenschaft weggeführt vor dem Dränger her. 6[Vau.] Gewichen ist von der Tochter Sion all ihre Herrlichkeit; ihre Fürsten sind Widdern gleich geworden, die keine Weide finden, und gehen kraftlos vor dem Verfolger her. 7[Zain.] Jerusalem gedenkt der Tage ihres Elendes und des Dahinschwindens aller ihrer Lust, die sie in den Tagen der Vorzeit gehabt, als ihr Volk durch Feindes Hand fiel und kein Helfer kam; es sehen sie ihre Feinde und spotten ihrer Sabbate. 8[Heth.] In schwere Sünde ist Jerusalem gestürzt, darum ist sie unstet geworden; alle, die sie hochehrten, achteten sie gering, da sie ihre Schmach schauten, und sie selbst wendet sich seufzend ab. 9[Teth.] Ihr Schmutz klebt an ihren Füßen, sie bedachte ihr Ende nicht, gewaltsam ist sie gestürzt und hat keinen Tröster. Schaue, Herr! meine Drangsal, denn der Feind erhebt sich stolz. 10[Jod.] Der Feind streckte seine Hand aus nach allem, was ihre Lust war; ja, sie sieht die Heiden in ihr Heiligtum eingedrungen, von denen du geboten, sie sollten nicht in deine Gemeinde kommen. 11[Kaph.] All ihr Volk seufzt nach Brot suchend; sie geben alle ihre Kleinodien um Speise, ihre Seele zu laben. O siehe, Herr! und schaue, wie missachtet ich geworden bin! 12[Lamed.] O ihr alle, die ihr des Weges vorüberzieht, schauet und sehet, ob ein Schmerz dem meinen gleich ist; denn der Herr hat Weinlese an mir gehalten, wie er gesprochen am Tage seines grimmigen Zornes. 13[Mem.] Nieder aus der Höhe entsandte er Feuer in mein Gebein und züchtigte mich; er breitete ein Netz aus vor meinen Füßen und stieß mich zurück, machte mich alles Trostes bar und immerdar vor Gram dahinsiechend. 14[Nun.] Ohne abzulassen drückt mich meiner Sünden Joch nieder, durch seine Hand sind sie ineinander geflochten und auf meinen Hals gelegt; meine Kraft ist gebrochen, der Herr hat mich einer Hand preisgegeben, gegen die ich nicht standhalten kann. 15[Samech.] Hinweggenommen hat der Herr alle meine Helden aus meiner Mitte, hat ein Fest wider mich ausgerufen, meine Auserlesenen zu vertilgen; die Kelter hat der Herr getreten über der Jungfrau, der Tochter Juda. 16[Ain.] Darum weine ich und mein Auge zerfließt in Tränen, denn fern von mir ist der Tröster, der mein Herz erquicke; verloren sind meine Kinder, denn der Feind hat obgesiegt. 17[Phe.] Sion breitet ihre Hände aus, aber niemand ist, der sie tröste; entboten hat der Herr wider Jakob dessen Feinde rings um ihn her, Jerusalem ist unter ihnen einer vom Blutgang Befleckten gleich geworden. 18[Sade.] Gerecht ist der Herr, den ich reizte seinen Mund zum Zorn; höret es doch, all ihr Völker! und schauet meinen Schmerz; meine Jungfrauen und meine Jünglinge sind in die Gefangenschaft fortgezogen. 19[Koph.] Ich rief nach meinen Freunden, doch sie täuschten mich; meine Priester und meine Ältesten sind verschmachtet in der Stadt, als sie sich Speise suchten, ihre Seelen zu erquicken. 20[Resch.] Siehe, o Herr! wie ich geängstigt bin, mein Innerstes ist verstört, mein Herz kehrt sich um in mir, denn ich bin voll von Bitterkeit; draußen mordet das Schwert, wie drinnen der Tod. 21[Sin.] Sie hören, wie ich seufze, doch niemand wird mein Tröster; alle meine Feinde hören von meinem Unglück, sie freuen sich, dass du es getan; doch du bringst den Tag des Trostes herbei und sie sollen werden wie ich. 22[Thau.] Möge all ihre Bosheit vor dein Angesicht gelangen und halte du Weinlese an ihnen, wie du an mir Lese gehalten ob aller meiner Verschuldungen, denn meine Seufzer sind viel und mein Herz ist siech.

Die Klagelieder des Jeremia 2

1[Aleph.] Wie hat der Herr in seinem Grimme die Tochter Sion mit Finsternis umhüllt! Vom Himmel warf er zur Erde nieder die Zier Israels und gedachte des Schemels seiner Füße nicht am Tage seines Zornes. 2[Beth.] Ohne Schonung hat der Herr Verderben bereitet aller Anmut Jakobs; er brach in seinem Grimme die Festen der Jungfrau Juda und warf sie zu Boden, entweihte das Reih und dessen Fürsten. 3[Ghimel.] Zerschlagen hat er in seinem grimmigen Zorne jedes Horn Israels, zurückgezogen seine Rechte vor dem Angesichte des Feindes und ein Feuer in Jakob entzündet, dessen Flamme ringsum frißt. 4[Daleth.] Er spannte seinen Bogen wie ein Feind und machte seine Rechte stark wie ein Gegner, tötete alles, was der Augen Weide war in dem Gezelte der Tochter Sion, goss gleich Feuer seinen Grimm aus. 5[He.] Der Herr ist dem Feinde gleich geworden, hat Israel gestürzt, gestürzt alle seine Mauern, zerstört seine Burgen und die Tochter Juda, Mann und Weib, mit Erniedrigung erfüllt. 6[Vau.] Und wie einen Garten hat er sein Gezelt wüste gemacht, seine Wohnung verheert, der Vergessenheit hat der Herr in Sion Fest und Sabbat anheimgegeben, der Schmach und seinem grimmigen Zorne hat er König und Priester preisgegeben. 7[Zain.] Verworfen hat der Herr seinen Altar, verflucht sein Heiligtum, in Feindes Hand die Mauern seiner Türme überliefert; lautes Geschrei erscholl im Hause des Herrn, als wäre es ein Festtag. 8[Heth.] Der Herr hat beschlossen, die Mauer der Tochter Sion zu zerstören; er spannte seine Meßschnur und zog seine Hand nicht ab vom Vertilgen, in Trauer ist das Vorwerk versetzt und die Mauer ist zumal eingestürzt. 9[Teth.] In den Boden gesunken sind ihre Tore, verdorben und zerbrochen hat er ihre Riegel, ihr König und ihre Fürsten sind unter den Völkern, nicht ist das Gesetz mehr da und ihre Propheten erlangen kein Gesicht mehr von dem Herrn. 10[Jod.] Es sitzen am Boden schweigend die Ältesten der Tochter Sion, sie haben Asche auf ihre Häupter gestreut, sich mit Trauergewändern umgürtet, zur Erde senken ihr Haupt die Jungfrauen Jerusalems. 11[Kaph.] Dahin schwinden meine Augen vor Tränen, mein Inneres ist erschüttert, meine Leber ergießt sich auf die Erde über die Vernichtung der Tochter meines Volkes, da Kind und Säugling verschmachtet in den Straßen der Stadt. 12[Lamed.] Zu ihren Müttern sprachen sie: Wo ist Brot und Wein? Da sie verschmachteten, tödlich Verwundeten gleich, in den Straßen der Stadt, ihr Leben aushauchend in ihrer Mütter Schoß. 13[Mem.] Womit soll ich dich vergleichen? Oder was soll ich dir ähnlich finden, Tochter Jerusalem? Was soll ich dir gleichstellen, dass ich dich tröste, Jungfrau, Tochter Sion? Denn groß wie das Meer ist dein Elend, wer kann dich heilen? 14[Nun.] Deine Propheten erschauten dir Trug und Torheit und deckten deine Verschuldung nicht auf, um dich zur Buße zu bewegen, sondern erschauten dir Sprüche des Truges und der Verstoßung. 15[Samech.] Es schlagen über dir die Hände zusammen alle, die des Weges vorüberziehen, sie zischen und schütteln ihr Haupt über die Tochter Jerusalem: Ist das die Stadt, sprechen sie, der Schönheit Vollkommenheit, die Wonne der ganzen Erde? 16[Phe.] Es reißen über dich ihren Mund auf alle deine Feinde, sie zischen und knirschen mit den Zähnen und sprechen: Lasset uns verschlingen! sehet, dies ist der Tag, auf den wir gewartet, wir haben ihn erlebt, wir haben ihn geschaut. 17[Ain.] So hat der Herr ausgeführt, was er beschlossen, er hat sein Wort erfüllt, das er von den Tagen der Vorzeit her entboten; er hat zerstört ohne Schonung, hat den Feind über dich frohlocken lassen und das Horn deiner Bedränger erhöht. 18[Sade.] Ihr Herz ruft zum Herrn ob der Mauern der Tochter Sion: Lass einem Strome gleich Tränen fließen Tag und Nacht, gönne dir nicht Ruhe und dein Augapfel raste nicht! 19[Koph.] Auf, rufe laut durch die Nacht beim Anfange der Nachtwachen, schütte wie Wasser dein Herz vor dem Antlitze des Herrn aus, hebe zu ihm deine Hände empor für das Leben deiner Kindlein, die vor Hunger verschmachten an den Ecken der Straßen! 20[Resch.] Siehe, o Herr! und schaue, an wem du also Weinlese gehalten! Sollen denn die Weiber ihre Leibesfrucht essen, Kindlein eine Spanne lang? Soll im Heiligtume des Herrn gemordet werden Priester und Prophet? 21[Sin.] Es liegen zu Boden in den Straßen Knabe und Greis, meine Jungfrauen und meine Jünglinge sind durch das Schwert gefallen, du hast gewürgt am Tage deines Grimmes, hast erschlagen ohne Erbarmen! 22[Thau.] Du beriefst, wie zu einem Festtage, die, welche mich schrecken sollten ringsum und niemand war am Tage des Grimmes des Herrn, der entrann und übrigblieb; die ich gepflegt und großgezogen, mein Feind hat sie vernichtet.

Die Klagelieder des Jeremia 3

1[Aleph.] Ich bin der Mann, der sein Elend sah unter seines Grimmes Rute. 2[Aleph.] Mich drängte er und führte mich in Finsternis und nicht zum Lichte. 3[Aleph.] Nur wider mich wendet er immer aufs neue seine Hand den ganzen Tag. 4[Beth.] Er machte meine Haut und mein Fleisch altern, zermalmte mein Gebein. 5[Beth.] Ringsum umbaute er mich und umgab mich mit Galle und Mühsal. 6[Beth.] Er versetzte mich in Finsternis, gleich den auf ewig Toten. 7[Ghimel.] Ringsum hat er mich ummauert, dass ich nicht entkommen kann; er hat meine Fesseln schwer gemacht. 8[Ghimel.] Wenn ich auch rufe und bitte, er weist mein Gebet ab. 9[Ghimel.] Er hat meine Wege mit Quadersteinen versperrt, meine Pfade verstört. 10[Daleth.] Ein lauernder Bär ist er mir geworden, ein Löwe im Hinterhalt. 11[Daleth.] Er hat meine Pfade in die Irre geleitet und mich zermalmt, hat mich trostlos gemacht. 12[Daleth.] Er hat seinen Bogen gespannt und mich als Ziel für den Pfeil ausgestellt. 13[He.] Er ließ in meine Nieren seines Köchers Töchter dringen. 14[He.] Ich ward zum Gespött für mein ganzes Volk, ihr Spottlied den ganzen Tag. 15[He.] Er sättigte mich mit Bitterkeiten und tränkte mich mit Wermut. 16[Vau.] Er zerbrach mir die Zähne der Reihe nach, speiste mich mit Asche. 17[Vau.] Verstoßen ist aus dem Frieden meine Seele, vergessen habe ich des Glückes. 18[Vau.] Da sprach ich: Verloren ist mein Ziel, dahin meine Hoffnung auf den Herrn! 19[Zain.] Gedenke meines Elends und meiner Verlassenheit, des Wermuts und der Galle! 20[Zain.] Immer denke ich daran und meine Seele schmachtet in mir hin. 21[Zain.] Dies will ich in meinem Herzen überdenken und daraufhin will ich hoffen. 22[Heth.] Gnadenerweisungen des Herrn sind es, dass wir nicht ganz vernichtet sind, denn seine Erbarmungen bleiben nicht aus. 23[Heth.] Neu sind sie an jedem Morgen, groß ist deine Treue. 24[Heth.] Der Herr ist mein Anteil, spricht meine Seele, darum will ich auf ihn hoffen. 25[Teth.] Gütig ist der Herr gegen die, die auf ihn hoffen, gegen die Seele, welche ihn sucht. 26[Teth.] Gut ist es, schweigend auf die Hilfe Gottes zu harren. 27[Teth.] Gut ist es einem Manne, wenn er das Joch von seiner Jugend an trägt. 28[Jod.] Er wird einsam sitzen und schweigen, denn es ist ihm auferlegt. 29[Jod.] Er berühre mit seinem Munde den Staub, vielleicht ist noch Hoffnung! 30[Jod.] Er biete seine Wange dem dar, der ihn schlägt, werde ersättigt mit Schmach. 31[Kaph.] Den nicht auf ewig verstößt der Herr. 32[Kaph.] Denn wenn er auch verstieß, so erbarmt er sich doch nach der Fülle seiner Gnaden. 33[Kaph.] Denn nicht aus Lust beugt er nieder und verstößt er die Menschenkinder, 34[Lamed.] wie man unter seine Füße alle Gefangenen der Erde tritt, 35[Lamed.] wie man das Recht eines Mannes beugt vor dem Angesichte des Allerhöchsten 36[Lamed.] und eines Menschen Sache verkehrt, solches kennt der Herr nicht. 37[Mem.] Wer ist es, der je sprach, dass etwas geschehen solle, ohne dass der Herr es geboten? 38[Mem.] Geht nicht aus dem Munde des Allerhöchsten das Üble und das Gute hervor? 39[Mem.] Was klagt also ein Mensch, so lange er lebt, ein jeder über seine Sünden? 40[Nun.] Lasset uns unsern Wandel prüfen und erforschen und zu dem Herrn umkehren! 41[Nun.] Lasset uns unsere Herzen und unsere Hände erheben zu dem Herrn im Himmel! 42[Nun.] Wir haben gesündigt und zum Zorne gereizt, darum bist du unerbittlich. 43[Samech.] Du hast dich in Grimm verhüllt und uns geschlagen, getötet ohne Schonung. 44[Samech.] Du hast dich mit einer Wolke umhüllt, damit kein Gebet hindurchdringe. 45[Samech.] Zu Kehricht und Auswurf hast du mich gemacht in Mitte der Völker. 46[Phe.] Es sperren gegen uns ihren Mund auf alle Feinde. 47[Phe.] Schrecken und Schlinge ward uns Weissagung und Verderben. 48[Phe.] Wasserbäche vergießen meine Augen über das Verderben der Tochter meines Volkes. 49[Ain.] mein Auge ist betrübt und hört nicht auf zu weinen, weil keine Linderung eintritt, 50[Ain.] Bis der Herr vom Himmel herabschaut und dareinsieht. 51[Ain.] Mein Auge hat mir die Seele genommen ob aller Töchter meiner Stadt. 52[Sade.] Es machten Jagd auf ich und fingen mich wie einen Vogel die, welche meine Feinde ohne Ursache waren. 53[Sade.] In die Grube ward mein Leben versenkt, sie wälzten einen Stein über mich. 54[Sade.] Es strömten die Wasser über mein Haupt zusammen, ich sprach: Ich bin verloren! 55[Koph.] Ich rief deinen Namen an, o Herr! aus tiefster Grube. 56[Koph.] Du hörtest mein Rufen: O wende dein Ohr nicht ab von meinem Seufzen und von meinem Klagen! 57[Koph.] Du warst mir nahe am Tage, da ich dich anrief; du sprachst: Fürchte dich nicht! 58[Resch.] Du führtest, Herr! die Sache meiner Seele, Erlöser meines Lebens! 59[Resch.] Du hast gesehen, Herr! wie sie mir Unrecht taten; schaffe mir Recht! 60[Resch.] Du hast all ihren Grimm gesehen, all ihre Anschläge wider mich, 61[Sin.] Du hast ihr Schmähen gehört, o Herr, alle ihre Anschläge wider mich, 62[Sin.] die Reden meiner Widersacher und ihr Trachten wider mich den ganzen Tag. 63[Sin.] Sie mögen sitzen oder aufstehen, siehe, so bin ich ihr Spottlied. 64[Thau.] Vergilt ihnen, Herr! nach den Werken ihrer Hände. 65[Thau.] Gib wie einen Schild um ihr Herz Bedrängnis von dir. 66[Thau.] Verfolge sie mit Grimm und tilge sie hinweg unter dem Himmel, o Herr!