Aus der Allioli-Arndt-Bibel (Vulgata-Übersetzung, 1914).
Klagelieder 3
1[Aleph.] Ich bin der Mann, der sein Elend sah unter seines Grimmes Rute. 2[Aleph.] Mich drängte er und führte mich in Finsternis und nicht zum Lichte. 3[Aleph.] Nur wider mich wendet er immer aufs neue seine Hand den ganzen Tag. 4[Beth.] Er machte meine Haut und mein Fleisch altern, zermalmte mein Gebein. 5[Beth.] Ringsum umbaute er mich und umgab mich mit Galle und Mühsal. 6[Beth.] Er versetzte mich in Finsternis, gleich den auf ewig Toten. 7[Ghimel.] Ringsum hat er mich ummauert, dass ich nicht entkommen kann; er hat meine Fesseln schwer gemacht. 8[Ghimel.] Wenn ich auch rufe und bitte, er weist mein Gebet ab. 9[Ghimel.] Er hat meine Wege mit Quadersteinen versperrt, meine Pfade verstört. 10[Daleth.] Ein lauernder Bär ist er mir geworden, ein Löwe im Hinterhalt. 11[Daleth.] Er hat meine Pfade in die Irre geleitet und mich zermalmt, hat mich trostlos gemacht. 12[Daleth.] Er hat seinen Bogen gespannt und mich als Ziel für den Pfeil ausgestellt. 13[He.] Er ließ in meine Nieren seines Köchers Töchter dringen. 14[He.] Ich ward zum Gespött für mein ganzes Volk, ihr Spottlied den ganzen Tag. 15[He.] Er sättigte mich mit Bitterkeiten und tränkte mich mit Wermut. 16[Vau.] Er zerbrach mir die Zähne der Reihe nach, speiste mich mit Asche. 17[Vau.] Verstoßen ist aus dem Frieden meine Seele, vergessen habe ich des Glückes. 18[Vau.] Da sprach ich: Verloren ist mein Ziel, dahin meine Hoffnung auf den Herrn! 19[Zain.] Gedenke meines Elends und meiner Verlassenheit, des Wermuts und der Galle! 20[Zain.] Immer denke ich daran und meine Seele schmachtet in mir hin. 21[Zain.] Dies will ich in meinem Herzen überdenken und daraufhin will ich hoffen. 22[Heth.] Gnadenerweisungen des Herrn sind es, dass wir nicht ganz vernichtet sind, denn seine Erbarmungen bleiben nicht aus. 23[Heth.] Neu sind sie an jedem Morgen, groß ist deine Treue. 24[Heth.] Der Herr ist mein Anteil, spricht meine Seele, darum will ich auf ihn hoffen. 25[Teth.] Gütig ist der Herr gegen die, die auf ihn hoffen, gegen die Seele, welche ihn sucht. 26[Teth.] Gut ist es, schweigend auf die Hilfe Gottes zu harren. 27[Teth.] Gut ist es einem Manne, wenn er das Joch von seiner Jugend an trägt. 28[Jod.] Er wird einsam sitzen und schweigen, denn es ist ihm auferlegt. 29[Jod.] Er berühre mit seinem Munde den Staub, vielleicht ist noch Hoffnung! 30[Jod.] Er biete seine Wange dem dar, der ihn schlägt, werde ersättigt mit Schmach. 31[Kaph.] Den nicht auf ewig verstößt der Herr. 32[Kaph.] Denn wenn er auch verstieß, so erbarmt er sich doch nach der Fülle seiner Gnaden. 33[Kaph.] Denn nicht aus Lust beugt er nieder und verstößt er die Menschenkinder, 34[Lamed.] wie man unter seine Füße alle Gefangenen der Erde tritt, 35[Lamed.] wie man das Recht eines Mannes beugt vor dem Angesichte des Allerhöchsten 36[Lamed.] und eines Menschen Sache verkehrt, solches kennt der Herr nicht. 37[Mem.] Wer ist es, der je sprach, dass etwas geschehen solle, ohne dass der Herr es geboten? 38[Mem.] Geht nicht aus dem Munde des Allerhöchsten das Üble und das Gute hervor? 39[Mem.] Was klagt also ein Mensch, so lange er lebt, ein jeder über seine Sünden? 40[Nun.] Lasset uns unsern Wandel prüfen und erforschen und zu dem Herrn umkehren! 41[Nun.] Lasset uns unsere Herzen und unsere Hände erheben zu dem Herrn im Himmel! 42[Nun.] Wir haben gesündigt und zum Zorne gereizt, darum bist du unerbittlich. 43[Samech.] Du hast dich in Grimm verhüllt und uns geschlagen, getötet ohne Schonung. 44[Samech.] Du hast dich mit einer Wolke umhüllt, damit kein Gebet hindurchdringe. 45[Samech.] Zu Kehricht und Auswurf hast du mich gemacht in Mitte der Völker. 46[Phe.] Es sperren gegen uns ihren Mund auf alle Feinde. 47[Phe.] Schrecken und Schlinge ward uns Weissagung und Verderben. 48[Phe.] Wasserbäche vergießen meine Augen über das Verderben der Tochter meines Volkes. 49[Ain.] mein Auge ist betrübt und hört nicht auf zu weinen, weil keine Linderung eintritt, 50[Ain.] Bis der Herr vom Himmel herabschaut und dareinsieht. 51[Ain.] Mein Auge hat mir die Seele genommen ob aller Töchter meiner Stadt. 52[Sade.] Es machten Jagd auf ich und fingen mich wie einen Vogel die, welche meine Feinde ohne Ursache waren. 53[Sade.] In die Grube ward mein Leben versenkt, sie wälzten einen Stein über mich. 54[Sade.] Es strömten die Wasser über mein Haupt zusammen, ich sprach: Ich bin verloren! 55[Koph.] Ich rief deinen Namen an, o Herr! aus tiefster Grube. 56[Koph.] Du hörtest mein Rufen: O wende dein Ohr nicht ab von meinem Seufzen und von meinem Klagen! 57[Koph.] Du warst mir nahe am Tage, da ich dich anrief; du sprachst: Fürchte dich nicht! 58[Resch.] Du führtest, Herr! die Sache meiner Seele, Erlöser meines Lebens! 59[Resch.] Du hast gesehen, Herr! wie sie mir Unrecht taten; schaffe mir Recht! 60[Resch.] Du hast all ihren Grimm gesehen, all ihre Anschläge wider mich, 61[Sin.] Du hast ihr Schmähen gehört, o Herr, alle ihre Anschläge wider mich, 62[Sin.] die Reden meiner Widersacher und ihr Trachten wider mich den ganzen Tag. 63[Sin.] Sie mögen sitzen oder aufstehen, siehe, so bin ich ihr Spottlied. 64[Thau.] Vergilt ihnen, Herr! nach den Werken ihrer Hände. 65[Thau.] Gib wie einen Schild um ihr Herz Bedrängnis von dir. 66[Thau.] Verfolge sie mit Grimm und tilge sie hinweg unter dem Himmel, o Herr!
Klagelieder 4
1[Aleph.] O wie ist das Gold verdunkelt, verändert der schönste Glanz! Zerstreut liegen die Steine des Heiligtums an der Ecke aller Straßen. 2[Beth.] Sions Söhne, die gefeierten, die mit dem feinsten Golde bekleidet waren, wie sind sie irdenen Gefäßen gleichgeachtet, dem Gebilde von des Töpfers Hand! 3[Ghimel.] Selbst die Ungeheuer reichen ihre Brüste und säugen ihre Jungen; die Tochter meines Volkes ist grausam wie der Strauß in der Wüste. 4[Daleth.] es klebt des Säuglings Zunge vor Durst am Gaumen, die Kindlein heischen Brot und niemand ist, der es ihnen breche. 5[He.] Die sonst Leckerbissen aßen, verschmachten auf den Gassen; die man in Scharlach hegte, umklammern den Schmutz. 6[Vau.] Höher ist die Schuld der Tochter meines Volkes gewachsen als Sodomas Sünde, das in einem Augenblick umgekehrt ward, ohne dass eine Hand darüber kam. 7[Zain.] Heller als Schnee strahlten ihre Nazaräer, weißer als Milch, rötlicher schimmernd als altes Elfenbein, schöner als Saphir. 8[Heth.] Nun ist ihr Aussehen schwärzer geworden als Kohlen und man erkennt sie nicht auf den Straßen, ihre Haut klebt an ihrem Gebein, sie ist ausgedörrt und wie Holz geworden. 9[Teth.] Besser erging es denen, welche durch das Schwert fielen, als denen, welche der Hunger tötete; denn diese starben langsam dahin, dahinschmachtend ob der Unfruchtbarkeit des Feldes. 10[Jod.] Sonst weichherzige Frauen kochten mit eigenen Händen ihre Kinder, sie wurden ihre Nahrung bei der Zerstörung der Tochter meines Volkes! 11[Kaph.] Vollendet hat der Herr seinen Grimm, ausgeschüttet die Glut seines Zornes und hat ein feuer in Sion entzündet, das dessen Grundfesten verzehrte. 12[Lamed.] Nicht hätten die Könige der Erde und alle Bewohner des Erdkreises geglaubt, dass Widersacher und Feind in die Tore Jerusalems eindringen werde: 13[Mem.] Um der Sünden ihrer Propheten willen, ob der Missetaten ihrer Priester, die das Blut der Gerechten in seiner Mitte vergossen. 14[Nun.] Blind irrten sie auf den Straßen umher, mit Blut befleckt; und da sie es nicht vermochten, hielten sie ihre Säume fest. 15[Samech.] Zurück, Befleckte! Rief man ihnen zu; zurück, hinweg, streifet nicht an! So bedrohte und verstieß man sie und sprach unter den Völkern: Nicht ferner mehr soll jemand unter ihnen weilen! 16[Phe.] Des Herrn Blick hat sie zerteilt, nicht schaut er ferner auf sie; denn sie haben das Angesicht der Priester nicht geachtet und kein Erbarmen gehabt mit Greisen. 17[Ain.] So lange wir noch bestanden, schauten unsere Augen nach eitler Hilfe für uns aus; wir blickten sehnsüchtig aus nach einem Volke, das nicht helfen konnte. 18[Sade.] Unsere Schritte glitten aus, da wir in unsern Straßen wandelten, nahe ist unser Ende; unsere Tage sind um, denn unser Ende ist gekommen! 19[Koph.] Schneller waren unsere Verfolger als die Adler unter dem Himmel, über die Berge hin setzten sie uns nach, in der Wüste lauerten sie uns auf. 20[Resch.] Der Odem unseres Mundes, der gesalbte, der Herr, ist ob unserer Sünden Gefangener, er, zu dem wir sprachen: In deinem Schatten werden wir leben unter den Völkern. 21[Sin.] Freue dich und frohlocke, Tochter Edom, die du im Lande Hus wohnst! Auch an dich wird der Kelch kommen, du wirst trunken werden und entblößt. 22[Thau.] Zu Ende ist deine Verschuldung, Tochter Sion! Nicht wird er dich ferner wegführen lassen; deine Verschuldung, Tochter Edom! Wird er heimsuchen, deine Sünden aufdecken.
Klagelieder 5
1Gedenke, o Herr! was uns widerfahren, schau und siehe unsere Schmach! 2Unsere Erbe ist Fremden zuteil geworden, unsere Häuser Ausländern. 3Wir sind Waisen geworden ohne Vater, unsere Mütter Witwen gleich. 4Unser Wasser tranken wir um Geld, unser Holz müssen wir um Zahlung erwerben. 5Mit Ketten auf unsern Nacken werden wir dahingetrieben; sind wir müde, so gönnt man uns keine Ruhe. 6Ägypten reichen wir die Hand und den Assyriern, uns mit Brot zu sättigen. 7Unsere Väter haben gesündigt und sind nicht mehr und wir tragen ihre Verschuldungen. 8Knechte haben Gewalt über uns erlangt, niemand rettet uns aus ihrer Hand. 9Mit Gefahr unseres Lebens holen wir unser Brot angesichts des Schwertes der Wüste. 10Unsere Haut ist verbrannt wie ein Ofen vor dem Glutwinde des Hungers. 11Frauen schänden sie in Sion, Jungfrauen in den Städten von Juda. 12Fürsten werden an der Hand aufgehängt, das Antlitz der Ältesten wird nicht geachtet. 13Jünglinge werden schändlich missbraucht und Knaben sinken zusammen unter der Last des Holzes. 14Die Ältesten sitzen nicht mehr in der Torhalle, die Jünglinge nicht mehr bei dem Chor der Saitenspielenden. 15Geschwunden ist die Freude unseres Herzens, in Trauer verwandelt unser Reigen. 16Entfallen ist die Krone unserm Haupte; wehe uns, dass wir gesündigt! 17Darüber ist unser Herz gramvoll geworden, darum sind unsere Augen verdunkelt, 18ob des Berges Sion, der wüste liegt; Füchse streifen auf ihm umher. 19Du aber, o Herr! bleibst in Ewigkeit, dein Thron von Geschlecht zu Geschlecht. 20Warum willst du unser auf ewig vergessen, uns verlassen die Länge der Tage? 21Bekehre uns zu dir, o Herr! so werden wir uns bekehren, erneuere unsere Tage wie vor alters. 22Doch du hast und verstoßen und verworfen, bist überaus auf uns erzürnt.