Aus der Allioli-Arndt-Bibel (Vulgata-Übersetzung, 1914).
Weisheit 9
1Gott meiner Väter und Herr der Barmherzigkeit! der du alles durch dein Wort geschaffen 2und durch deine Weisheit den Menschen bestimmt hast, dass er über die Geschöpfe herrsche, welche du gemacht hast, 3dass er den Erdkreis mit Billigkeit und Gerechtigkeit verwalte und mit lauterem Herzen Gericht halte, 4gib mir die Weisheit, deines Thrones Besitzerin, und verstoße mich nicht aus der Zahl deiner Diener; 5denn ich bin dein Knecht und der Sohn deiner Magd, ein schwacher Mensch, von kurzer Lebensdauer und von zu geringer Einsicht in Recht und Gesetz. 6Denn wenn auch einer unter den Menschenkindern vollkommen wäre, so würde er doch, wenn ihm deine Weisheit fehlt, für nichts zu achten sein. 7Du hast mich zum König über dein Volk auserwählt und zum Richter über deine Söhne und Töchter; 8du hießest mich einen Tempel auf deinem heiligen Berge bauen und in der Stadt deiner Wohnung einen Altar, ein Nachbild deines heiligen Zeltes, das du von Anbeginn her vorbereitet hast. 9Bei dir ist deine Weisheit, die deine Werke kennt und die zugegen war, als du den Erdkreis schufest, und weiß, was in deinen Augen wohlgefällig und was nach deinen Geboten recht ist. 10Sende sie hernieder von deinem heiligen Himmel und von dem Throne deiner Hoheit, dass sie mit mir sei und mit mir arbeite, damit ich wisse, was dir wohlgefällig ist. 11Denn sie weiß und versteht alles und wird mich in allem meinem Tun verständig leiten und mich durch ihre Macht bewahren. 12So werden meine Werke wohlgefällig sein und ich werde dein Volk gerecht regieren und des Thrones meines Vaters würdig sein. 13Denn welcher Mensch könnte Gottes Ratschluss kennen? Oder wer ersinnen, was Gott will? 14Sind doch die Gedanken der Sterblichen furchtsam und unsere Voraussicht unsicher. 15Denn der vergängliche Leib belastet die Seele und die irdische Hülle drückt den vieles denkenden Geist nieder. 16Kaum mutmaßen wir das, was auf Erden ist, und was uns vor den Augen liegt, finden wir nur mit Mühe; wer aber wird erforschen, was im Himmel ist? 17Wer wird deinen Sinn erkennen, wenn du ihm nicht Weisheit verleihst und deinen Heiligen Geist aus der Höhe sendest 18und so der Pfad der Erdenbewohner gerade gemacht wird und die Menschen lernen, was dir gefällig ist? 19Denn die dir, o Herr! von Anbeginn her gefällig waren, ihnen wurde nur durch die Weisheit Heil.
Weisheit 10
1Sie hat jenen bewahrt, der zuerst von Gott zum Vater des Erdkreises geschaffen worden, da er noch allein erschaffen war; 2sie rettete ihn auch aus seiner Sünde und gab ihm Kraft, alles zu beherrschen. 3Von ihr fiel jener Ungerechte in seinem Zorne ab und ging durch seinen brudermörderischen Zorn unter. 4Als um seinetwillen die Erde durch eine Wasserflut verheert ward, half ihr wiederum die Weisheit, indem sie den Gerechten durch geringfügiges Holz leitete. 5Sie erkannte auch, als die Völker sich in Übereinstimmung der Bosheit hingaben, den Gerechten und bewahrte ihn unsträflich vor Gott und erhielt ihn starkmütig gegen das Mitleiden mit seinem Sohne. 6Sie errettete beim Untergange der Gottlosen den fliehenden Gerechten, da Feuer niederfiel auf die Fünfstädte; 7zum Zeugnis von deren Bosheit die Erde dampfend öde liegt, die Bäume Früchte tragen, welche nicht reif werden, und als Andenken an eine ungläubige Seele die Salzsäule sich erhebt. 8Denn da sie die Weisheit nicht achteten, gerieten sie nicht nur dahin, dass sie das Gute nicht kannten, sondern sie hinterließen auch den Menschen ein Denkmal ihrer Torheit, so dass sie in dem, worin sie gesündigt, nicht verborgen bleiben konnten. 9Die Weisheit aber rettete die, welche sie verehrten, von Schmerzen. 10Sie führte den Gerechten, der vor dem Zorne seines Bruders floh, auf rechten Wegen, zeigte ihm das Reich Gottes, gab ihm die Erkenntnis des Heiligen, bereicherte ihn bei seinen Mühen und segnete seine Arbeiten. 11Sie stand ihm zur Seite, da er mit List hintergangen werden sollte, und machte ihn reich. 12Sie schützte ihn vor seinen Feinden, stellte ihn sicher vor denen, die ihn bedrängten, und ließ ihn siegen im harten Streit, damit er erkennen sollte, wie die Weisheit mächtiger ist als alles. 13Sie verließ den gekauften Gerechten nicht, sondern errettete ihn von den Sündern, sie stieg mit ihm in die Grube 14und verließ ihn auch in Banden nicht, bis sie ihm das Zepter der Herrschaft zubrachte und Gewalt wider die, welche ihn unterdrückten; und sie erwies die als Lügner, welche ihn verunglimpften, und verlieh ihm ewigen Ruhm. 15Sie erlöste das gerechte Volk und das unsträfliche Geschlecht von den Völkern, die es unterdrückten. 16Sie ging in die Seele des Dieners Gottes ein und er trat furchtbaren Königen entgegen mit Wundern und Zeichen. 17Sie verlieh den Gerechten den Lohn für ihre Mühen, leitete sie auf wunderbarem Wege und war ihnen Schirm am Tage und Sternenleuchte des Nachts; 18sie führte sie durch das Rote Meer und brachte sie durch große Gewässer. 19Ihre Feinde aber versenkte sie in das Meer und ließ sie aus der Tiefe des Abgrundes heraufkommen. Darum trugen die Gerechten die Beute der Gottlosen davon 20und priesen, o Herr! deinen heiligen Namen und lobten einmütig deine siegreiche Hand, 21denn die Weisheit öffnete den Mund der Stummen und machte die Zungen der Unmündigen beredt.
Weisheit 11
1Sie leitete ihre Werke durch die Hand des heiligen Propheten. 2Sie durchzogen unwohnliche Wüsten und schlugen ihre Gezelte an öden Orten auf. 3Sie widerstanden ihren Feinden und wehrten ihre Widersacher ab. 4Als sie dürsteten, riefen sie dich an und es ward ihnen Wasser aus hohem Felsen gegeben und Stillung des Durstes aus hartem Gestein. 5Denn wodurch ihre Feinde gestraft wurden, da ihnen das Trinkwasser ausging, dessen erfreuten sich die Kinder Israels im Überfluss. 6Denn während es jenen mangelte, ward diesen dadurch Gutes zuteil. 7Anstatt des Bornes immerfließenden Wassers nämlich gabst du den Ungerechten Menschenblut. 8Während diese zur Strafe für die gemordeten Kinder Verlust erlitten, gabst du jenen unverhofft die Fülle des Wassers. 9Durch den damaligen Durst zeigtest du, wie du die Deinigen erhöhtest und ihre Widersacher tötetest. 10Denn da sie geprüft wurden, wiewohl sie nur gnädige Züchtigung erduldeten, erkannten sie, welche Qualen die im Zorne gerichteten Gottlosen zu erleiden haben. 11Denn diese prüftest du wie ein mahnender Vater, jene aber nahmst du wie ein strenger König in Verhör und verurteilest sie. 12Fern von ihnen und nah wurden sie in gleicher Weise gepeinigt. 13Denn doppeltes Leid und Seufzen ergriff sie bei dem Andenken an das Geschehene. 14Denn als sie hörten, dass durch die Qualen, welche sie litten, jene Gutes empfingen, gedachten sie des Herrn und verwunderten sich über den Endausgang. 15Denselben nämlich, den sie einst durch grausame Aussetzung preisgegeben und verlacht hatten, über diesen staunten sie am Ende des Ausganges, da sie ganz anders Durst litten als die Gerechten. 16Für die törichten Gedanken ihrer Gottlosigkeit aber, in denen befangen, sie stumme Schlangen und verächtliche Tiere göttlich verehrten, sandtest du wider sie ein Heer vernunftloser Tiere zur Vergeltung; 17auf dass sie inne würden, dass, womit jemand sündigt, er damit auch gestraft werde. 18Denn deine allmächtige Hand, welche den Erdkreis aus unsichtbarem Stoffe erschuf, wäre nicht unvermögend gewesen, eine Menge von Bären oder kühne Löwen unter sie zu senden 19oder neugeschaffene, wütige, unbekannte Tiere, die Feuerodem schnaufen oder Qualm ausstoßen oder furchtbare Feuerfunken aus den Augen sprühen, 20deren Anfall sie nicht bloß vernichten, sondern deren Anblick sie schon durch Schrecken hätte töten können. 21Aber auch ohne alles dies hätten sie durch einen einzigen Hauch getötet werden können, verfolgt von ihren eigenen Taten und zerstreut durch den Hauch deiner Macht; doch du hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet. 22Denn Großes zu vermögen gehörte allezeit dir allein zu, und wer wird der Stärke deines Armes widerstehen? 23Wie ein Stäubchen in der Wage, so ist der Erdkreis vor dir und wie ein Tropfen Morgentau, der auf die Erde herabfällt. 24Doch du erbarmst dich aller, weil du alles vermagst, und siehst hinweg über die Sünden der Menschen um der Buße willen. 25Denn du liebst alles, was ist, und hassest nichts von dem, was du erschaffen hast; denn du hast nichts im Hasse angeordnet oder erschaffen. 26Wie könnte aber etwas Bestand haben ohne deinen Willen? Oder wie würde etwas, was du nicht ins Dasein gerufen, erhalten? 27Du schonst aber alles, weil es dein Eigentum ist, o Herr! der du die Seelen liebst.
Weisheit 12
1O Herr, wie gut und lieblich ist dein Geist in allem! 2Daher züchtigst du diejenigen, die fehlen, nicht nach Verdienst, weisest sie über das, wodurch sie sich versündigt haben, mahnend zurecht, damit sie von der Bosheit ablassen und an dich glauben, o Herr! 3Zwar jene alten Bewohner deines heiligen Landes, die dir ein Greuel waren, 4weil sie dir verhasste Dinge durch Zauberei und gottlose Opfer trieben 5und erbarmungslos ihre Kinder töteten, menschliche Eingeweide fraßen und Blut aus der Mitte deines Heiligtums schlürften, 6und Eltern, die Vernichter hilfloser Seelen, wolltest du durch die Hand unserer Väter austilgen, 7damit diese eine der Kinder Gottes würdige Heimstätte empfingen, das Land, das dir vor allen andern teuer ist. 8Allein auch jener schontest du, weil sie Menschen waren, und entsandtest als Vorläufer deines Heeres die Hornisse, um sie nach und nach auszurotten. 9Nicht als wärest du nicht so mächtig gewesen, die Gottlosen im Kampfe den Gerechten zu unterwerfen oder sie durch wilde Tiere oder durch ein hartes Wort auf einmal zu vertilgen 10sondern um nach und nach das Gericht zu vollziehen, gewährtest du Raum zur Buße, wiewohl dir wohl bewusst war, dass ihr Geschlecht ruchlos und ihre Bosheit wie zur Natur geworden war und dass ihr Sinn sich in Ewigkeit nicht ändern konnte. 11Denn von Anbeginn an waren sie ein verfluchtes Geschlecht. Auch nicht aus Furcht vor jemanden hattest du Nachsicht mit ihren Sünden. 12Denn wer dürfte zu dir sagen: Was hast du getan? Oder wer wollte deinem Urteilsspruche sich widersetzen? oder wer vor dein Angesicht treten, um ruchlose Menschen zu verteidigen? Oder wer dir Schuld beimessen, wenn Völker zugrunde gehen, die du geschaffen hast? 13Es ist ja außer dir kein anderer für alles Sorge tragender Gott, dass du zu beweisen hättest, dass du kein ungerechtes Urteil fällst. 14Weder König noch Herrscher kann dir unter die Augen treten und dich über die zur Rede stellen, die du vernichtet hast. 15Da du also gerecht bist, ordnest du alles nach Gerechtigkeit; auch hältst du es für unvereinbar mit deiner Macht, den zu verurteilen, der keine Strafe verdient. 16Denn deine Macht ist der Grund deiner Gerechtigkeit; und weil du der Herr aller Dinge bist, erzeigst du dich schonend gegen alle. 17Denn du zeigst denen deine Macht, die an deine Allmacht nicht glauben, und ahndest an denen, welche von dir nichts wissen wollen, ihre Vermessenheit. 18Du richtest aber, o Herrscher der Stärke, mit Sanftmut und regierst uns mit großer Nachsicht; denn das Können steht dir zu Gebot, wenn du nur willst. 19Durch solches Walten hast du dein Volk gelehrt, dass der Gerechte auch menschenfreundlich sein muss, und erwecktest in deinen Kindern die frohe Hoffnung, dass du, wiewohl Richter, Gelegenheit zur Buße bei den Sünden gewährst. 20Denn wenn du die, welche Feinde deiner Diener und des Todes schuldig waren, mit so großer Langmut straftest, dass du ihnen Zeit und Gelegenheit gabst, von ihrer Bosheit abzustehen: 21mit wie großer Sorgfalt richtest du nicht da deine Söhne, deren Vätern du Eidesschwüre und Bündnisse guter Verheißungen gegeben hast! 22Während du uns also züchtigst, schlägst du unsere Feinde mit vielfältigen Plagen, damit wir deiner Güte gedenken, wenn wir richten, und wenn wir gerichtet werden, auf deine Barmherzigkeit hoffen. 23Daher hast du auch die, welche in ihrer Torheit und Ungerechtigkeit dahinlebten, eben durch das auf das stärkste gepeinigt, was sie verehrten. 24Denn sie wandelten allzu lange auf dem Wege des Irrtums, indem sie das für Götter hielten, was selbst im Tiergeschlechte das Verächtlichste ist, und wie unverständige Kinder dahinlebten. 25Darum sandtest du über sie wie über unvernünftige Kinder das Strafgericht zur Verhöhnung. 26Sie aber, durch Spott und strafende Mahnung nicht gebessert, erfuhren ein Gericht, Gottes würdig. 27Denn durch eben die Dinge, über die sie sich in ihrem Leben erbosten, nämlich durch eben das, was sie für Gottheiten hielten, sahen sie sich vertilgt und sie, welche vorher Gott nicht zu kennen behaupteten, erkannten ihn als wahren Gott. Deshalb brach dann die Vollendung ihrer Verdammnis über sie herein.