Aus der Allioli-Arndt-Bibel (Vulgata-Übersetzung, 1914).
Weisheit 5
1Alsdann werden die Gerechten mit großer Standhaftigkeit denen gegenüberstehen, von welchen sie bedrängt und der Frucht ihrer Arbeiten beraubt wurden. 2Bei diesem Anblicke werden diese von schrecklicher Furcht verwirrt werden und staunen über deren unerwartete und unverhoffte Rettung 3und werden voll Beklommenheit des Geistes bei sich sagen und reuevoll seufzen: Das sind die, welche wir einst verlachten und mit Spottreden verhöhnten! 4Wir Toren hielten ihr Leben für Wahnsinn und ihr Ende für ehrlos! 5Sehet, wie sie unter die Kinder Gottes gezählt sind und ihr Anteil unter den Heiligen ist! 6So sind wir also vom Wege der Wahrheit abgeirrt und das Licht der Gerechtigkeit hat uns nicht geleuchtet und die Sonne der Erkenntnis ist uns nicht aufgegangen! 7Wir haben uns abgemüht auf dem Wege der Ruchlosigkeit und des Verderbens und sind harte Wege gewandelt, aber den Weg des Herrn haben wir nicht gekannt! 8Was hat uns der Hochmut genützt? Oder was hat uns das Brüsten mit dem Reichtum gebracht? 9Dies alles ist vorübergegangen wie ein Schatten, wie ein vorübereilender Bote, 10wie ein Schiff, welches das wogende Meer durchschneidet, von dem, ist es vorüber, keine Spur noch die Bahn seines Kieles in den Fluten mehr zu finden ist; 11oder wie wenn ein Vogel durch die Luft fliegt und von seinem Fluge sich kein Merkmal findet, sondern nur das Rauschen der Fittiche, das die leichte Luft peitscht; in gewaltigem Fluge die Luft teilend, fliegt er dahin mit flatternden Schwingen und nachher findet sich kein Merkmal seines Fluges mehr; 12oder wie wenn ein Pfeil nach dem Ziele abgeschossen wird und die Luft sich teilt und sofort wieder zusammenschießt, so dass man seinen Durchflug nicht erkennt. 13So sind auch wir, kaum geboren, sofort wieder dahingeschwunden und vermögen kein Merkmal der Tugend aufzuweisen, sondern sind inmitten unserer Bosheit dahingerafft worden. 14So sprechen die Sünder in der Hölle. 15Denn die Hoffnung des Gottlosen ist wie eine Flocke, die vom Winde weggeführt wird, und wie leichter Schaum, der vom Sturm zerstreut wird, und wie die Erinnerung an einen vorübergehenden eintägigen Gast. 16Die Gerechten jedoch leben ewig, ihr Lohn ist bei dem Herrn und die Sorge für sie bei dem Allerhöchsten. 17Darum werden sie das Reich der Herrlichkeit empfangen und eine Krone der Schönheit aus der Hand des Herrn, denn mit seiner Rechten wird er sie schirmen und mit seinem heiligen Arme sie verteidigen. 18Sein Eifer wird Waffenrüstung anlegen und alle Geschöpfe zur Rache wider seine Feinde waffnen. 19Gerechtigkeit wird er als Harnisch anlegen und untrügliches Gericht als Helm nehmen. 20Die Billigkeit wird er als unüberwindlichen Schild ergreifen, 21seinen unerbittlichen Zorn zum Speere schärfen und mit ihm wird der Erdkreis wider die Unsinnigen streiten. 22Wohlgerichtete Blitzespfeile werden wie aus einem wohlgewölbten Bogen aus den Wolken zum Verderben ausfahren und sicher ihr Ziel treffen. 23Aus grimmiger Steinschleuder wird dichter Hagel geschleudert werden, des Meeres Gewässer werden wider sie wüten und die Ströme werden sie unerbittlich überschütten. 24Der Hauch seiner Macht wird sich wider sie erheben und wie ein Wirbelwind sie zerteilen. Ihre Bosheit wird die ganze Erde zur Wüste machen und ihre Ruchlosigkeit die Throne der Machthaber umstürzen.
Weisheit 6
1Besser ist Weisheit als Kraft und ein kluger Mann besser als ein starker. 2Höret also, ihr Könige! Und nehmet Einsicht an, lernet ihr Richter der Erde weitum! 3Vernehmet es, ihr, die ihr der Völker Menge beherrschet und euren Stolz setzet in die Scharen der Nationen; 4denn von dem Herrn ward euch die Herrschaft verliehen und die Gewalt vom Allerhöchsten, er wird eure Werke untersuchen und eure Gedanken durchforschen. 5Denn obgleich ihr Diener seiner Herrschaft waret, habt ihr nicht recht gerichtet und das Gesetz der Gerechtigkeit nicht beobachtet und seid nicht nach dem Willen Gottes gewandelt. 6Schrecklich und schnell wird er euch erscheinen, denn das strengste Gericht ergeht über die Machthaber. 7Denn dem Geringen wird Barmherzigkeit zuteil, aber die Gewaltigen werden gewaltige Züchtigungen zu erdulden haben. 8Denn Gott wird niemandes Stand ausnehmen noch irgend jemandes Größe scheuen, hat er doch den Kleinen wie den Großen selber geschaffen und sorgt für alle auf gleiche Weise. 9Den Gewaltigen aber steht eine stärkere Strafe bevor. 10An euch also, ihr Könige! Ergehen diese meine Reden, dass ihr Weisheit lernet und nicht irre gehet. 11Denn diejenigen, welche die Gerechtigkeit recht wahren, werden gerechtfertigt werden; und die sich darüber haben belehren lassen, werden sich zu verantworten wissen. 12So seid denn begierig nach meinen Worten und liebet sie, und ihr werdet die rechte Lebensweise erlangen. 13Strahlend und unverwelklich ist die Weisheit und leicht wird sie von denen gesehen, welche sie lieben, und von denen gefunden, welche sie suchen. 14Ja, sie kommt denen zuvor, die nach ihr verlangen, um sich ihnen zuerst zu zeigen. 15Wer frühzeitig auf sie acht hat, wird keine Mühe haben, denn er wird sie an seiner Tür sitzend finden. 16Über sie also nachzusinnen ist vollendete Klugheit und wer um ihretwillen wacht, wird bald sorgenfrei sein. 17Denn sie selbst geht umher und sucht die auf, die ihrer würdig sind, und erscheint ihnen freundlich auf ihren Wegen und begegnet ihnen bei jedem Gedanken. 18Denn ihr Anfang ist ein ganz aufrichtiges Verlangen nach Zucht. 19Das Streben nach Zucht ist Liebe und die Liebe ist Beobachtung ihrer Gesetze, die Beobachtung ihrer Gesetze aber ist Vollendung der Unvergänglichkeit; 20die Unvergänglichkeit aber macht, dass man Gott nahe kommt. 21So führt also das Verlangen nach Weisheit zur ewigen Herrschaft. 22Wenn ihr also Freude habt an Thronen und Zeptern, ihr Könige der Völker! So liebet die Weisheit, auf dass ihr ewig herrschet. 23Liebet das Licht der Weisheit, ihr alle, die ihr über die Völker herrscht! 24Was aber die Weisheit ist und wie sie geworden, will ich verkündigen und will die Geheimnisse Gottes vor euch nicht verbergen, sondern vom Aufgang ihres Ursprungs an will ich nachforschen und ihre Erkenntnis ins Licht setzen und die Wahrheit nicht verschweigen; 25auch will ich nicht mit zehrendem Neide es halten, den ein solcher Mensch hat keine Gemeinschaft mit der Weisheit. 26Der Weisen große Zahl ist das Heil des Erdkreises und ein weiser König ist die Stütze des Volkes. 27Darum nehmet Zucht an durch meine Worte, und es wird euch frommen.
Weisheit 7
1Auch ich bin zwar ein sterblicher Mensch, gleich allen, und aus dem Geschlechte jenes erstgeschaffenen Erdensohnes, und ward im Mutterleibe zu Fleisch gestaltet, 2als ich in zehnmonatlicher Frist im Blute aus Mannessamen zusammenrann, und unter der Lust des Beischlafes. 3Auch ich atmete bei meiner Geburt die gemeinsame Luft ein, fiel auf die wesensgleiche Erde und der erste Laut, den ich hören ließ, war, wie bei allen anderen, Weinen. 4In Windeln ward ich auferzogen und mit vieler Sorgfalt genährt. 5Denn kein König hat einen andern Ursprung seines Werdens gehabt. 6Für alle also ist derselbe Eingang ins Leben und der Ausgang der gleiche. 7Darum betete ich und es ward mir Einsicht gegeben, ich rief und der Geist der Weisheit kam über mich. 8Und ich gab ihr den Vorzug vor Königreichen und Thronen und Reichtum hielt ich für nichts im Vergleich mit ihr. 9Auch stellte ich ihr nicht kostbares Gestein gleich, denn alles Gold ist im Vergleich mit ihr wie ein wenig Sand und wie Kot wird das Silber neben ihr geachtet. 10Mehr als Gesundheit und Schönheit liebte ich sie und zog es vor, sie zum Lichte zu haben, denn ihr Glanz ist unauslöschlich. 11Es kam mir aber alles Gute zugleich mit ihr und unzählbarer Wohlstand durch ihre Hand. 12Und ich erfreute mich an allem, denn diese Weisheit ging vor mir her und ich wusste nicht, dass sie von allem dem die Mutter ist. 13Arglos habe ich sie erlernt und neidlos teile ich sie mit und ihren Reichtum verberge ich nicht. 14Denn sie ist ein unerschöpflicher Schatz für die Menschen; wer ihn benützt, wird der Freundschaft Gottes teilhaftig und um der Gaben der Zucht willen empfohlen. 15Mir aber verlieh Gott, mit Einsicht zu reden und zu beherzigen, was der mir zuteil gewordenen Gaben würdig ist; denn er ist der Führer zur Weisheit und der Lenker der Weisen, 16denn in seiner Hand sind wir und unsere Reden und alle Weisheit und Geschicklichkeit und Zucht. 17Er gab mir ja die wahre Erkenntnis von dem, was ist, so dass ich die Anordnung der Welt und die Kräfte der Elemente verstehe, 18Anfang, Ende und Mitte der Zeiten, des Umlaufes Veränderungen und den Wechsel der Zeitabschnitte, 19des Jahres Lauf und den Stand der Gestirne, 20die Natur der Tiere und die Wut der wilden Tiere, die Gewalt der Winde und die Gedanken der Menschen, die Verschiedenheiten der Pflanzen und die Kräfte der Wurzeln; 21und alles, was irgend verborgen und unsichtbar ist, habe ich kennen gelernt, denn die Weisheit, die Künstlerin von allem, lehrte es mich. 22Denn in ihr ist ein Geist des Verstandes, ein heiliger, einzigartiger, mannigfaltiger, feiner, beredter, beweglicher, unbefleckter, zuverlässiger, lieblicher, Gutes liebender, scharfsinniger, unhemmbarer, wohltuender, 23menschenfreundlicher, gütiger, fester, sorgenfreier, sicherer, allvermögender, alles vorhersehender, alle Geister durchdringender, einsichtsvoller, reiner, feiner Geist. 24Denn beweglicher als alles Bewegliche ist die Weisheit, sie dringt überall hin kraft ihrer Reinheit. 25Denn sie ist ein Hauch der Kraft Gottes und gleichsam ein reiner Ausfluss der Herrlichkeit des allmächtigen Gottes, deshalb kommt nichts Unreines zu ihr. 26Denn sie ist der Abglanz des ewigen Lichtes und der makellose Spiegel der Majestät Gottes und das Abbild seiner Güte. 27Und da sie einig ist, vermag sie alles; und obgleich in sich bleibend, macht sie alles neu und tritt von Volk zu Volk in die heiligen Seelen ein und macht sie zu Freunden Gottes und zu Propheten. 28Denn Gott liebt niemanden außer den, der mit der Weisheit wohnt. 29Denn sie ist herrlicher als die Sonne und übertrifft alle Ordnungen der Gestirne und mit dem Lichte verglichen, wird sie vorzüglicher erfunden. 30Denn auf dieses folgt die Nacht, aber gegen die Weisheit vermag die Bosheit nichts.
Weisheit 8
1Sie reicht also mit Kraft von einem Ende zum andern und ordnet alles mit Sanftmut. 2Sie habe ich geliebt und sie von meiner Jugend an auserwählt und habe sie mir als Braut heimzuführen gesucht und bin ein Liebhaber ihrer Schönheit geworden. 3Edlen Ursprung verherrlicht sie, da sie mit Gott Umgang hat, und der Herr aller Dinge hat sie lieb; 4denn sie ist eine Lehrmeisterin der Zucht Gottes und Wählerin seiner Werke. 5Und wenn Reichtum im Leben wünschenswert ist, was ist reicher als die Weisheit, die alles schafft? 6Wenn Einsicht etwas wirkt, wer ist unter allem, was da ist, eine größere Künstlerin als sie? 7Und wenn jemand Gerechtigkeit lieb hat, so hat ihr Bemühen große Tugenden als Wirkung; denn sie lehrt Mäßigkeit und Klugheit, Gerechtigkeit und Starkmut, welche das nützlichste sind im Menschenleben. 8Wenn aber jemand Verlangen trägt, viel zu wissen, so weiß sie das Vergangene und ermisst das Zukünftige, sie versteht künstliche Wendungen der Reden und Lösung der Rätsel; Zeichen und Wunder weiß sie, ehe sie geschehen, und die Ereignisse der Zeiten und Weltalter. 9Deshalb beschloss ich, sie mir zur Lebensgemeinschaft heimzuführen, wohl wissend, dass sie mich ihrer Güter teilhaftig machen und in Sorgen und Trauer mir zusprechen wird. 10Um ihretwillen werde ich Ruhm bei den Menschen erlangen und Ehre bei den Alten schon als Jüngling. 11Auch werde ich scharfsinnig im Gericht erfunden werden und in den Augen der Mächtigen bewundert und die Fürsten werden mich anstaunen. 12Wenn ich schweige, werden sie auf mich warten, und wenn ich rede, auf mich lauschen, und wenn ich länger fortrede, die Hände auf ihren Mund legen. 13Überdies werde ich durch sie Unsterblichkeit erlangen und den Nachkommen ein ewiges Andenken hinterlassen. 14Ich werde Völker beherrschen und Nationen werden mir untertan sein. 15Furchtbare Könige werden mich fürchten, wenn sie mich hören; unter dem Volke werde ich mich gütig und im Kriege tapfer zeigen. 16Wenn ich wieder in mein Haus gehe, werde ich bei ihr ausruhen; denn ihr Umgang hat nichts Bitteres und ihre Gesellschaft nichts Widriges, sondern Frohsinn und Freude. 17Indem ich nun dies bei mir bedachte und in meinem Herzen erwog, dass Unsterblichkeit mit der Weisheit verwandt sei 18und in ihrer Freundschaft edles Ergötzen, in den Werken ihrer Hände unerschöpflicher Reichtum, in ihren Wechselreden Weisheit und in ihrer Unterhaltung Ruhm sei, ging ich umher, suchend, wie ich sie in mein Haus aufnehmen könnte. 19Ich war aber ein Jüngling von guten Anlagen und hatte ein gutes Gemüt erhalten. 20Und da ich besser war, erlangte ich einen unbefleckten Leib. 21Indem ich aber erkannte, dass ich nicht anders ihrer mächtig sein könnte, es würde mir denn von Gott gegeben – und das war schon Weisheit zu wissen, von wem diese Gabe kommt, - so trat ich vor den Herrn und bat ihn und sprach von ganzem Herzen: