Aus der Allioli-Arndt-Bibel (Vulgata-Übersetzung, 1914).
Ijob 9
1Job antwortete und sprach: 2Wahrlich! Ich weiß, dass es so ist und dass der Mensch, mit Gott verglichen, nicht gerecht ist. 3Wenn er auch mit ihm rechten wollte, könnte er ihm nicht eines auf tausend antworten. 4Weisen Sinnes ist er und gewaltig an Kraft, wer widersetzte sich ihm und hätte Frieden? 5Er versetzt Berge, und die er umstürzt in seinem Grimme, merken es nicht. 6Er bewegt die Erde von ihrer Stätte und ihre Säulen erbeben. 7Er gebietet der Sonne und sie geht nicht auf, und er legt die Sterne wie unter Siegel. 8Er breitet den Himmel allein aus und schreitet über die Wellen des Meeres dahin. 9Er schafft den Bären, den Orion, das Siebengestirn und die verborgenen Sterne des Südens. 10Er tut Großes und Unbegreifliches und Wunderbares ohne Zahl. 11Wenn er zu mir kommt, so sehe ich ihn nicht; geht er weg, so merke ich es nicht. 12Stellt er jählings zur Rede, wer antwortet ihm? Oder wer darf sagen: Warum tust du also? 13Er ist Gott, seinem Zorne kann niemand widerstehen, und unter ihm beugen sich, die den Erdkreis tragen. 14Wer bin ich aber, dass ich ihm entgegnen sollte und mit meinen Worten mit ihm reden? 15Hätte ich auch irgend ein Recht, ich würde nicht Gegenrede wagen, sondern meinen Richter um Gnade anflehen. 16Doch, wenn ich ihn anriefe und er mich hörte, glaube ich nicht, dass er auf meine Stimme hört. 17Denn er zerschmettert mich im Sturme und mehrt meine Wunden auch ohne Ursache, 18er lässt mich nicht zu Atem kommen und sättigt mich mit Bitterkeiten. 19Gilt es Stärke: er ist der Stärkste; gilt es Recht im Gericht, so wagt niemand für mich Zeugnis zu geben. 20Wollte ich mich rechtfertigen, so verdammt mich mein eigener Mund; wollte ich zeigen, dass ich unschuldig bin, so überweist er mich als schuldig. 21Wäre ich auch lauter, so weiß eben dies meine Seele nicht und überdrüssig werde ich meines Lebens. 22Eines ist, was ich sage: Er vernichtet sowohl den Unschuldigen als den Gottlosen. 23Wenn er geißelt, töte er auf einmal und lache nicht der Qualen der Unschuldigen! 24Die Erde ist in die Hände der Gottlosen gegeben, er verhüllt das Antlitz ihrer Richter. Ist er es nicht, wer ist es dann? 25Meine Tage eilten schneller dahin als ein Läufer; sie flohen dahin, ohne etwas Gutes zu sehen. 26Sie fuhren hin wie Schiffe, die Äpfel tragen, wie ein Adler, der auf den Fraß herabstürzt. 27Wenn ich sagen würde: Ich will nicht mehr so reden, so änderte ich wohl meine Miene und würde doch von Schmerz gepeinigt. 28Ich fürchtete alle meine Werke, wohl wissend, dass du des Sünders nicht schonest. 29Wenn ich nun aber auch so noch gottlos bin, wozu habe ich mich da umsonst bemüht? 30Wenn ich mich mit Schneewasser wüsche und meine Hände glänzten überrein, 31so tauchtest du mich dennoch in Schmutz, dass meine Kleider vor mir Abscheu hätten. 32Denn nicht einem Menschen, der meinesgleichen ist, würde ich antworten noch einem, der im Gerichte gleichmäßig mit mir verhört werden könnte. 33Niemand ist, der beide zurechtweisen und seine Hand auf beide legen dürfte. 34Er nehme seine Rute von mir weg und sein Schrecken quäle mich nicht, 35dann will ich reden, ohne zu fürchten; denn solange ich in Furcht bin, kann ich nicht Rede stehen.
Ijob 10
1Meine Seele ist meines Lebens überdrüssig, ich will meiner Rede wider mich freien Lauf lassen, will reden in der Bitterkeit meiner Seele. 2Ich will zu Gott sprechen: Verdamme mich nicht! tue mir kund, warum du so mit mir ins Gericht gehst? 3Scheint es dir etwa gut, wenn du mich quälst und das Werk deiner Hände bedrückst und dem Anschlage der Gottlosen hilfst? 4Hast du denn fleischliche Augen oder siehst auch du, wie der Mensch sieht? 5Sind deine Tage wie die Tage eines Menschen und deine Jahre wie eines Menschen Lebenszeit, 6dass du nach meiner Missetat suchest und meiner Sünde nachforschest, 7und dass du erfahren musst, dass ich nichts Böses getan, obwohl niemand ist, der deiner Hand entreißen kann? 8Deine Hände haben mich gemacht und mich ganz um und um gebildet, und so jählings stürzest du mich? 9Gedenke doch, dass du mich wie Ton formtest und mich wieder zu Staub wandeln wirst! 10Hast du mich nicht wie Milch hingegossen und wie Käse gerinnen lassen? 11Mit Haut und Fleisch hast du mich bekleidet, mit Knochen und Sehnen mich zusammengefügt, 12Leben und Barmherzigkeit teiltest du mir zu und deine Fürsorge bewahrte meinen Odem. 13Zwar verbirgst du dies in deinem Herzen, doch weiß ich, dass du aller Dinge gedenkst. 14Habe ich gesündigt und schontest du meiner eine Zeitlang, warum lässest du mich nicht von meiner Missetat rein werden? 15Bin ich gottlos, dann wehe mir; bin ich gerecht, so darf ich doch mein Haupt nicht erheben, gesättigt mit Trübsal und Elend, 16und um des Hochmuts willen wirst du mich fangen wie eine Löwin und aufs neue mich mit wunderbaren Qualen peinigen. 17Neue Zeugen stellst du wider mich auf und mehrest deinen Zorn wider mich und Plagen kämpfen wider mich. 18Warum hast du mich aus dem Mutterleibe hervorgehen lassen? Ach! Wäre ich umgekommen und hätte mich nie ein Auge gesehen! 19So würde ich sein, als wäre ich nie gewesen, vom Mutterleibe weg zum Grabe getragen! 20Wird meiner Tage geringe Zahl bald zu Ende sein? So lass denn ab von mir, dass ich meinen Schmerz ein wenig beklage, 21bevor ich hingehe, ohne wiederzukehren, in das finstere, mit Todesschatten bedeckte Land, 22das Land des Jammers und der Finsternis, wo Todesschatten und keine Ordnung ist, sondern ewiger Schrecken wohnt.
Ijob 11
1Da antwortete Sophar, der Naamathiter, und sprach: 2Soll nicht, wer viel redet, auch hören, oder soll der wortreiche Mann Recht behalten? 3Sollen die Leute vor dir allein schweigen? Und sollst du, während du der übrigen spottest, von keinem widerlegt werden? 4Denn du hast gesagt: Meine Rede ist lauter und ich bin rein vor deinen Augen! 5O möchte doch Gott mit dir reden und er seine Lippen gegen dich auftun, 6das er dir die Geheimnisse seiner Weisheit zeigte und dass sein Gesetz vielfach ist, und du erkennen möchtest, dass er weit weniger von dir fordert, als deine Schuld verdient. 7Wirst du etwa die Spuren Gottes fassen und bis auf den tiefen Grund den Allmächtigen erforschen? 8Er ist erhabener als der Himmel, was willst du tun? Tiefer als die Unterwelt, woher willst du ihn erkennen? 9Sein Maß ist weiter als die Erde und breiter als das Meer. 10Wenn er alles umstürzte oder in einen Klumpen zusammenpresste, wer könnte ihm widersprechen? 11Denn er kennt die Eitelkeit der Menschen, und wenn er die Bosheit sieht, achtet er etwa nicht darauf? 12Der eitle Mann erhebt sich in Hochmut und dünkt sich freigeboren wie das Füllen des wilden Esels. 13Du aber hast dein Herz gefestigt und deine Hände zu ihm ausgebreitet. 14Wenn du den Frevel, der in deiner Hand ist, von dir entfernst und kein Unrecht in deinem Zelte bleibt, 15Dann magst du dein Angesicht erheben, frei von Makel, und unerschütterlich dastehen und darfst dich nicht fürchten. 16Dann wirst du auch des Elends vergessen und desselben gedenken, wie der Wasser, die vorübergeflossen sind. 17Und wie Mittagsglanz wird es dir am Abend aufgehen und wenn du meinst, es sei aus mit dir, wirst du aufsteigen wie ein Morgenstern 18und du wirst Zuversicht hegen; denn dir ist Hoffnung gegeben und wie von einem Walle geschützt, wirst du sicher ruhen. 19Du wirst Ruhe genießen und niemand wird dich aufscheuchen und gar viele werden dein Angesicht anflehen. 20Aber der Gottlosen Augen werden verschmachten und die Zuflucht ihnen schwinden und ihre Hoffnung ist das, was die Seele sonst verabscheut.
Ijob 12
1Job antwortete und sprach: 2Seid ihr denn allein Menschen und wird mit euch die Weisheit aussterben? 3Auch ich habe Einsicht, so gut wie ihr und stehe nicht zurück gegen euch; wer wüsste denn das nicht, was ihr wisst? 4Wer von seinem Freunde verspottet wird wie ich, ruft Gott an und dieser wird ihn erhören; denn des Gerechten Redlichkeit wird verlacht. 5Sie ist eine Leuchte, verachtet in der Meinung der Reichen, aber aufbewahrt für die bestimmte Zeit. 6Die Zelte der Räuber haben Überfluss und keck fordern sie Gott heraus, der doch selbst alles in ihre Hände gegeben hat. 7Frage doch die Tiere und sie werden es dich lehren, und die Vögel des Himmels und sie werden es dir kundtun. 8Rede zu der Erde und sie wird dir antworten, und die Fische des Meeres werden es erzählen. 9Wer weiß nicht, dass die Hand des Herrn alles dies gemacht hat? 10In seiner Hand ist die Seele alles Lebenden und der Geist jedes Menschenleibes. 11Unterscheidet nicht das Ohr die Worte und des Essenden Gaumen den Geschmack? 12Bei den Alten ist Weisheit und bei langer Lebenszeit Klugheit. 13Bei ihm ist Weisheit und Stärke, er besitzt Rat und Einsicht. 14Wenn er zerstört, so baut niemand auf; wenn er jemanden einkerkert, ist niemand, der auftut. 15Wenn er die Wasser hemmt, dorrt alles aus; und wenn er sie loslässt, so verwüsten sie das Land. 16Bei ihm ist Stärke und Weisheit, er kennt den Betrüger wie den Betrogenen. 17Er führt die Ratsherren zu törichtem Ende und die Richter zu Ratlosigkeit. 18Er löst den Gürtel der Könige und schlingt Fesseln um ihre Lenden. 19Er führt die Priester bar der Ehre hinweg und stürzt die Mächtigen. 20Er wandelt die Lippen der Wahrhaftigen um und nimmt Greisen die Lehrweisheit. 21Er gießt Verachtung auf die Fürsten aus und hebt die empor, die unterdrückt waren. 22Er enthüllt das Tiefverborgene aus der Finsternis heraus und führt den Schatten des Todes ans Licht. 23Er macht die Völker groß und vernichtet sie, und die Gestürzten setzt er wieder in den vorigen Stand ein. 24Er nimmt den Fürsten des Volkes die Einsicht und führt sie irre, dass sie ratlos in unwegsamer Öde dahingehen; 25sie tappen wie in der Finsternis und fern vom Lichte und er lässt sie irre gehen wie Trunkene.